Jerome Hayden Powell hat in seinen acht Jahren an der Spitze der amerikanischen Zentralbank die US-Wirtschaft durch beispiellose Krisen geführt und sich gegen beispiellose Angriffe auf die Unabhängigkeit der Federal Reserve gewehrt. Doch genau das wird er seinen Kindern nicht als seine prägendste Leistung erzählen.

Sein wahres Vermächtnis liegt in seiner unaufgeregten, pflichtbewussten Amtsführung – eine Haltung, die in einer Zeit der Spektakel und Empörung fast schon anachronistisch wirkt. Während andere auf Aufmerksamkeit und Skandale setzten, arbeitete Powell im Hintergrund und erledigte seine Aufgaben.

Die Bewährungsprobe: Pandemie und wirtschaftliche Zusammenbrüche

Seit fast einem Jahrzehnt verfolge ich Powells öffentliche Auftritte – sei es vor Ort oder am Bildschirm. Zwei Sätze aus dem April 2020 sind mir besonders im Gedächtnis geblieben:

„Keiner von uns hat die Wahl, welche Herausforderungen uns erwarten; Schicksal und Geschichte geben sie vor. Unsere Aufgabe ist es, den Prüfungen zu begegnen, die uns gestellt werden.“

Zu diesem Zeitpunkt war die Welt im Lockdown, die Arbeitslosenquote lag bei fast 15 %, das Bruttoinlandsprodukt im freien Fall, und die Zukunft schien düster. Powell übernahm die Verantwortung – ohne sich von politischen Druckversuchen beeindrucken zu lassen.

Vom Anwalt zum mächtigsten Zentralbanker der Welt

Powells Aufstieg an die Spitze der Federal Reserve war alles andere als vorherbestimmt. Noch Wochen vor seiner Nominierung durch Präsident Trump 2017 schätzten Finanzexperten seine Chancen auf nur fünf Prozent. Der Grund: Powell war kein klassischer Ökonom, sondern ein erfahrener Anwalt und Investmentbanker mit Schwerpunkt auf Finanzmarktregulierung.

Seine Karriere begann in der Wall Street, bevor er unter Präsident George H.W. Bush im Finanzministerium arbeitete. Präsident Obama ernannte ihn 2011 als Nicht-Ökonomen in den Vorstand der Fed – eine ungewöhnliche, aber weitsichtige Entscheidung. Unter Fed-Chefin Janet Yellen stieg Powell zum wichtigen Bindeglied zwischen Politik und Zentralbank auf und verantwortete etwa die Zahlungssysteme der Notenbank.

Als Powell 2018 schließlich selbst den Vorsitz übernahm, setzte er zunächst auf Kontinuität. Seine Politik entsprach weitgehend der seiner Vorgängerin Yellen: niedrige Zinsen und lockere Geldpolitik. Doch Präsident Trump, der sich nach schnellem Wachstum und niedriger Arbeitslosigkeit sehnte, wurde schnell ungeduldig. Als die Fed 2018 die Zinsen erhöhte, eskalierte der Konflikt. Trump attackierte Powell öffentlich und bezeichnete ihn als „Feind“.

Erfolg in der Krise: Rettung in der Pandemie und Stabilisierung der Wirtschaft

Trotz des politischen Gegenwinds bewies Powell Führung. Seine schnellen und entschlossenen Maßnahmen während der Pandemie verhinderten einen noch tieferen wirtschaftlichen Einbruch. Die lockere Geldpolitik der Fed stabilisierte die Märkte und half, die Folgen der Krise abzumildern. Gleichzeitig verteidigte Powell beharrlich die Unabhängigkeit der Zentralbank – ein Grundprinzip, das er in einer Zeit der politischen Einmischung bewahrte.

Sein Wirken prägte nicht nur die Ära unter Trump, sondern auch die Erholung nach der Pandemie. Die Wirtschaft erlebte eine Phase des Aufschwungs, bevor neue Herausforderungen wie die hohe Inflation folgten. Doch selbst in diesen turbulenten Zeiten blieb Powell seiner Linie treu: sachlich, vorbereitet und ohne spektakuläre Gesten.

Mit dem Ende seiner Amtszeit am Freitag hinterlässt er eine Notenbank, die in Krisenzeiten standhaft blieb – und einen Ruf als einer der zuverlässigsten Zentralbanker der modernen Geschichte.

Quelle: Axios