Am 1. Mai, dem Internationalen Tag der Arbeit, werden in den USA Zehntausende Menschen ihre Arbeit niederlegen, Schulen boykottieren und auf Einkäufe verzichten. Sie protestieren damit gegen die Politik von Präsident Donald Trump. Die „May Day Strong“-Koalition, ein Bündnis aus Gewerkschaften und Bürgerrechtsgruppen, organisiert über 3.500 Kundgebungen, Demonstrationen und Diskussionsveranstaltungen.
Die Aktion knüpft an den Erfolg des „Day of Truth and Freedom“ im Januar an, als in Minnesota mehr als 70.000 Menschen gegen die Einwanderungsbehörde ICE auf die Straße gingen. Doch handelt es sich dabei um einen echten Generalstreik? Und warum ist diese Unterscheidung wichtig?
Was ist ein Generalstreik – und was unterscheidet ihn von einem normalen Arbeitskampf?
Ein klassischer Streik betrifft meist ein einzelnes Unternehmen oder eine Branche. Arbeiter:innen protestieren gegen Missstände am Arbeitsplatz, etwa gegen ausbleibende Tarifverhandlungen oder unfaire Verträge. Ein Generalstreik hingegen ist eine breit angelegte Arbeitsniederlegung, bei der Beschäftigte aus verschiedenen Branchen gemeinsam für gesellschaftliche Ziele streiken.
„Beim Generalstreik geht es nicht nur um Arbeitsbedingungen, sondern um eine grundlegende Veränderung des Systems“, erklärt Erik Loomis, Arbeitshistoriker an der University of Rhode Island und Autor der Bücher Organizing America und A History of America in Ten Strikes. „Es ist eine Form des kollektiven Protests, bei dem Arbeiter:innen ihre strategische Macht nutzen, um politischen Druck auszuüben.“
Beispiele für historische Generalstreiks in den USA sind:
- Seattle 1919: Hafenarbeiter streikten für bessere Löhne und Arbeitsbedingungen – der Streik weitete sich zu einem fünf Tage dauernden Generalstreik aus, an dem sich über 60.000 Menschen beteiligten.
- San Francisco 1934: Transportarbeiter streikten gegen Lohnkürzungen und brutale Arbeitsbedingungen. Der Streik eskalierte zu einem Generalstreik, der die Stadt lahmlegte.
- Oakland 1946: Eine Koalition von Gewerkschaften und Bürgerrechtsgruppen kämpfte gegen die korrupte republikanische Stadtführung und für soziale Gerechtigkeit.
Warum sind Generalstreiks in den USA selten – und was steht ihnen im Weg?
„Jeder Generalstreik in den USA entstand aus der organisierten Arbeiterbewegung“, sagt Loomis. „Doch sie waren immer auch Reaktionen auf tiefgreifende gesellschaftliche Missstände.“ Die Streiks richteten sich nicht nur gegen einzelne Arbeitgeber, sondern gegen das politische System insgesamt – etwa gegen Korruption, Rassismus oder Ausbeutung.
Doch heute gibt es rechtliche und strukturelle Hürden, die Generalstreiks erschweren:
- Arbeitsrecht: In vielen US-Bundesstaaten sind Generalstreiks illegal oder werden als „unrechtmäßige Arbeitsniederlegung“ eingestuft.
- Zersplitterung der Gewerkschaften: Die Arbeiterbewegung ist heute schwächer als in den 1930er oder 1940er Jahren. Viele Gewerkschaften konzentrieren sich auf betriebliche Tarifverhandlungen statt auf politische Massenproteste.
- Repression: Streiks werden oft mit Polizeigewalt oder Kündigungen beantwortet. Die Angst vor Repression hält viele Beschäftigte von radikalen Aktionen ab.
Kann ein Generalstreik heute noch funktionieren?
Loomis sieht Potenzial – aber nur, wenn sich verschiedene Gruppen zusammenschließen: „Ein Generalstreik braucht eine breite Allianz aus Gewerkschaften, Studierenden, Migrant:innen und sozialen Bewegungen.“
Beispiele wie der „Day of Truth and Freedom“ in Minnesota zeigen, dass solche Bündnisse möglich sind. Damals protestierten Zehntausende gegen die Abschiebepolitik der Trump-Regierung. „Solche Aktionen können ein Signal setzen“, so Loomis. „Aber ein echter Generalstreik erfordert mehr – er muss die Wirtschaft spürbar treffen und politische Veränderungen erzwingen.“
Ob der aktuelle Protestaufruf am 1. Mai tatsächlich zu einem Generalstreik führt, bleibt offen. Doch eines ist klar: Die Debatte darüber zeigt, wie sehr sich die US-amerikanische Arbeiterbewegung in einer Krise befindet – und wie dringend sie neue Formen des Widerstands braucht.