GLP-1-Agonisten wie Semaglutid (Wirkstoff in Ozempic und Wegovy) oder Tirzepatid (Mounjaro) haben die Behandlung von Diabetes und Adipositas revolutioniert. Die Medikamente simulieren das Hormon GLP-1 (Glucagon-like Peptide-1), das den Blutzucker senkt und das Sättigungsgefühl verstärkt. Doch während sie Millionen von Patienten helfen, rücken zunehmend mögliche Nebenwirkungen in den Fokus – darunter auch das Risiko für Essstörungen.

Eine aktuelle Studie der Universität von British Columbia, veröffentlicht im Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, untersuchte die psychischen Auswirkungen dieser Medikamente. Die Forscher analysierten Daten von über 2.000 Patienten, die GLP-1-Agonisten einnahmen, und verglichen sie mit einer Kontrollgruppe. Das Ergebnis: Bei etwa 1,5 % der Patienten traten Symptome auf, die auf Essstörungen hindeuten könnten, wie zwanghaftes Essverhalten oder extreme Einschränkungen der Nahrungsaufnahme.

Besonders betroffen sind laut der Studie junge Erwachsene und Frauen. „Die Ergebnisse sind besorgniserregend, da Essstörungen schwerwiegende Folgen haben können – von körperlichen Schäden bis hin zu lebensbedrohlichen Zuständen“, erklärt Dr. Anna Müller, Ernährungsmedizinerin an der Charité Berlin. Sie betont jedoch, dass die absolute Zahl der Betroffenen im Vergleich zur Gesamtzahl der Nutzer gering sei.

Wie kommt es zu den Essstörungsrisiken?

Die genauen Mechanismen sind noch nicht vollständig geklärt. Experten vermuten jedoch, dass die starke Unterdrückung des Hungergefühls durch GLP-1-Agonisten zu einer „künstlichen Kontrolle“ der Nahrungsaufnahme führen kann. Bei anfälligen Personen könnte dies dysfunktionale Essmuster auslösen, wie restriktives Essen oder späteres „Nachholen“ in Form von Heißhungerattacken.

Ein weiterer Faktor ist der psychologische Druck, der mit der Gewichtsabnahme einhergeht. Viele Patienten berichten von einem starken gesellschaftlichen oder medizinischen Erwartungsdruck, schnell abzunehmen. „Wenn der Körper durch das Medikament gezwungen wird, weniger zu essen, kann das bei manchen Menschen zu einem Kontrollverlust führen, sobald das Medikament abgesetzt wird“, erklärt Psychologe Dr. Markus Weber von der Universitätsklinik Heidelberg.

Was sagen die Zulassungsbehörden?

Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) und die US-amerikanische FDA haben GLP-1-Agonisten bereits als sicher und wirksam eingestuft. In den offiziellen Produktinformationen wird jedoch auf mögliche psychische Nebenwirkungen hingewiesen, darunter auch Essstörungen. Bisher gibt es keine offiziellen Warnungen oder Einschränkungen für die Verschreibung.

Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) fordert dennoch mehr Aufklärung:

„Patienten und Ärzte müssen über mögliche Risiken aufgeklärt werden. Eine engmaschige Betreuung ist essenziell, besonders bei Personen mit einer Vorgeschichte von Essstörungen.“

Wie sollten Betroffene vorgehen?

Experten raten zu einem sorgfältigen Umgang mit GLP-1-Medikamenten:

  • Vorsorgeuntersuchung: Vor Beginn der Therapie sollte eine psychologische Anamnese erfolgen, um Risikofaktoren zu identifizieren.
  • Regelmäßige Kontrollen: Während der Einnahme sind regelmäßige Gespräche mit dem Arzt sinnvoll, um Verhaltensänderungen früh zu erkennen.
  • Alternativen prüfen: Bei bestehender Essstörungsanamnese könnten andere Therapieansätze wie Ernährungsumstellung oder Verhaltenstherapie Vorrang haben.
  • Akute Warnsignale erkennen: Plötzliche Gewichtsabnahme, sozialer Rückzug oder zwanghaftes Kalorienzählen sollten ernst genommen werden.

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) betont zudem, dass GLP-1-Agonisten keine Wundermittel seien. Eine nachhaltige Gewichtsreduktion erfordere immer eine Kombination aus Medikation, Ernährungsumstellung und Bewegung.

Fazit: Nutzen überwiegt – aber Vorsicht ist geboten

GLP-1-Agonisten haben das Potenzial, die Behandlung von Adipositas und Diabetes grundlegend zu verändern. Die aktuellen Studien zu Essstörungsrisiken unterstreichen jedoch die Notwendigkeit einer individuellen Risiko-Nutzen-Abwägung. „Diese Medikamente sind ein Fortschritt, aber sie sind kein Freifahrtschein“, sagt Dr. Müller. Patienten sollten sich bewusst sein, dass die Einnahme mit möglichen psychischen Nebenwirkungen einhergehen kann – und im Zweifel professionelle Hilfe suchen.

Quelle: STAT News