Die niederländische Modedesignerin Iris van Herpen hat mit ihren futuristischen Kreationen die Grenzen zwischen Mode, Kunst und Wissenschaft längst gesprengt. Ihre neueste Ausstellung „Sculpting the Senses“, die ab dem 16. Mai im Brooklyn Museum in New York zu sehen ist, unterstreicht einmal mehr ihren einzigartigen Ansatz: Mode als dreidimensionale Skulptur.
Ein zentrales Exponat der Schau ist ein spektakuläres Ballonkleid, das die Olympiasportlerin Eileen Gu im Mai 2026 auf dem Met Gala trug. Das schimmernde, kurze Abendkleid wirkte, als bestünde es aus tausenden schwebenden Seifenblasen, die sich über den Körper verteilten und in der Luft hinter ihr aufstiegen. Tatsächlich besteht das Kleid aus 15.000 handgefertigten Glasblasen, die in Zusammenarbeit mit dem Tokyo-Londoner Designstudio A.A.Murakami entstanden. Die Herstellung nahm 2.550 Stunden in Anspruch – und versteckte Mikroprozessoren setzten bei jeder Bewegung echte Blasen frei.
„Es repräsentiert die Luft in unseren Körpern“, erklärt Matthew Yokobosky, Senior Kurator für Mode und materielle Kultur am Brooklyn Museum. „Über 90 Prozent unseres Körpers bestehen aus Luft.“ Die Ausstellung ist die nordamerikanische Premiere einer Retrospektive, die bereits in Paris, Brisbane, Singapur und den Niederlanden gezeigt wurde. Neben dem Met-Gala-Kleid wird auch das Original aus dem Jahr 2016 zu sehen sein.
Mode als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Kunst
Van Herpen, die in dem niederländischen Dorf Wamel aufwuchs, verbindet seit über zwei Jahrzehnten Mode mit wissenschaftlichen Prinzipien. Ihre Kollektionen lassen sich von der Anatomie einer Stachelrochen-Skeletts inspirieren, von den Magnetfeldern des Large Hadron Collider oder von den Strömungen flüssigen Wassers. Sie arbeitet mit Architekten, Paläontologen und Biologen zusammen und nutzt Materialien wie Eisenfeilspäne, Magnete oder biolumineszierende Algen. „Sie hat leise neu definiert, was Mode als Kunst bedeuten kann“, so Yokobosky.
Das Brooklyn Museum selbst hat eine lange Tradition, Mode als ernstzunehmende Kunstform zu präsentieren. Bereits 1934 zeigte es die Ausstellung „Story of Silk“ – ein Meilenstein für die Museumsgeschichte der Mode. Später folgten Retrospektiven von Designern wie Madame Grès, Schiaparelli, Jean Paul Gaultier, Pierre Cardin, Christian Dior, Virgil Abloh und Thierry Mugler. Mit „Sculpting the Senses“ setzt die Institution diese Linie fort.
Wasser in allen Aggregatzuständen als Inspirationsquelle
Den Auftakt der Ausstellung bildet eine Auseinandersetzung mit den verschiedenen Formen von Wasser – flüssig, gefroren und gasförmig. „Van Herpens Designs wurden gleichermaßen von diesen Aggregatzuständen geprägt“, erläutert Yokobosky. Ein weiteres Highlight ist ein Werk des japanischen Künstlerkollektivs Mé, das laut Yokobosky „aussieht, als hätte man einen Ausschnitt des Ozeans in den Ausstellungsraum übertragen“.
Van Herpens Faszination für Wasser reicht bis zu ihrer bahnbrechenden „Crystallization“-Kollektion aus dem Jahr 2010 zurück. Diese Kollektion, die von Kalkablagerungen, Eiskristallen und der Dynamik eines Wasserplatschens inspiriert war, enthielt das erste auf einem Laufsteg gezeigte 3D-gedruckte Kleid. Ein skelettartiges, elfenbeinfarbenes Oberteil, das in Zusammenarbeit mit dem britischen Architekten Daniel Widrig entstand, ist ebenfalls in Brooklyn zu sehen. Je nach Blickwinkel wirkt das Stück wie ein versteinertes Wirbelknochenstück.