Seit der Veröffentlichung von ChatGPT im Jahr 2022 erleben bestimmte Studiengänge einen sprunghaften Anstieg der Bestnoten. Besonders in Fächern wie englischer Komposition oder Programmierung, in denen KI gezielt genutzt werden kann, stiegen die «exzellenten» Noten um 30% an. In praktischen Fächern wie Bildhauerei oder Laborpraktika blieben die Noten dagegen stabil.
Diese Entwicklung bestätigt eine aktuelle Studie des UC-Berkeley-Professors Igor Chirikov, der Daten von über 50.000 Studierenden einer texanischen Eliteuniversität zwischen 2018 und 2025 analysierte. «Wir beobachten nicht nur, dass ein C-Student plötzlich ein A-Student wird, sondern dass dies gezielt durch den Einsatz von KI geschieht», erklärt Chirikov gegenüber Axios.
Die Ursache liegt vor allem in der zunehmenden Abhängigkeit von unbewerteten Hausaufgaben. Da viele Dozierende ihre Beförderungschancen an positive Studierendenbewertungen knüpfen, neigen sie dazu, Noten großzügiger zu vergeben. «KI verstärkt diesen Trend nur», so Chirikov. «Schon bisher konnten Studierende durch die Wahl einfacherer Kurse ihre Notendurchschnittsnote erhöhen – jetzt kommt KI als zusätzlicher Booster hinzu.»
KI als Katalysator für Noteninflation
Bereits seit den frühen 2000er-Jahren steigen die Noten an Hochschulen kontinuierlich an. Doch der Einsatz von KI beschleunigt diesen Prozess massiv. Chirikov betont, dass die Noteninflation kein neues Phänomen ist, aber durch KI eine neue Dimension erreicht: «Es gibt keine einfache Lösung, um dies zu stoppen. Wir müssen kreativ werden und KI-Integration in die Lehre fördern – allerdings unter klaren Regeln.»
Einige Universitäten reagieren bereits mit strengeren Prüfungsformaten. Handschriftliche oder mündliche Prüfungen sollen den Einsatz von KI erschweren. Doch Chirikov warnt: «Die Herausforderung besteht darin, KI-Tools sinnvoll in die Lehre einzubinden, ohne dass Studierende sie zum Betrug nutzen.»
Forderungen nach transparenter KI-Nutzung
Die Studie unterstreicht, dass Hochschulen dringend neue Bewertungsmethoden entwickeln müssen. «Studierende sollten KI zwar nutzen dürfen, aber ihre Verwendung muss dokumentiert und nachvollziehbar sein», fordert Chirikov. «Das ist kein einfacher Prozess, aber eine Investition, die wir jetzt tätigen müssen.»
Hintergrund ist die wachsende Sorge, dass Absolventen zwar über KI-Kenntnisse verfügen, aber nicht über das eigentliche Fachwissen. «Wenn wir nicht gegensteuern, produzieren wir eine Generation von Studierenden, die zwar KI bedienen kann, aber nicht die Fähigkeiten besitzt, die wir eigentlich vermitteln wollen», warnt der Forscher.