An der Harvard University könnte die Ära der überdurchschnittlich hohen Noten bald vorbei sein. Nach einem internen Vorschlag sollen künftig maximal 20% der Studierenden pro Kurs die Bestnote A erhalten. Aktuell liegt der Anteil bei 66% für die Note A und sogar bei 84% für A oder A-minus im akademischen Jahr 2024–25.

Warum die Reform?

Die Fakultät begründet den Schritt mit einer Rückkehr zu den ursprünglichen Bewertungskriterien. In der Studentenhandbuch heißt es, eine A solle nur für „außergewöhnlich herausragende Leistungen“ vergeben werden. Der Vorschlag vom Februar 2026 lautet: „Wir empfehlen, diese Definition wiederherzustellen.“

Ziel sei es, das akademische Niveau zu stärken und das Vertrauen in das Notensystem zu erhöhen. Kritiker warnen jedoch vor einer verstärkten Konkurrenz unter Studierenden und einer möglichen Benachteiligung bei Bewerbungen.

Historische Entwicklung der Noteninflation

Bereits 2006 erhielten weniger als die Hälfte der Studierenden an den Ivy-League-Unis eine A. Doch seit den 1990er-Jahren steigen die Noten kontinuierlich. Laut dem US-Bildungsministerium stiegen die Durchschnittsnoten an vierjährigen Colleges zwischen 1990 und 2020 um über 16%. Als Gründe gelten unter anderem der „Konsumentendruck“ der Studierenden und die Bewertung von Lehrkräften anhand studentischer Zufriedenheit.

Dean Amanda Claybaugh von der Undergraduate Education betonte 2025: „Es stimmt, dass die Noten an Harvard seit Jahren steigen – und in letzter Zeit extrem.“ Sie verwies auf einen langsamen Anstieg in den frühen 2010er-Jahren, gefolgt von einem rapiden Anstieg Ende der 2010er und einem weiteren Sprung während der Online-Lehre in der Pandemie.

Studierende und Lehrende uneins

Steven Levitsky, Professor für Lateinamerikastudien, kommentierte gegenüber Inside Higher Ed: „Es ist verrückt. Wir haben die Unterscheidung zwischen A und A-minus komplett verwischt.“ Er bezeichnete den Vorschlag als „die am wenigsten schlechte Lösung“.

Doch die Studierenden zeigen sich empört: Laut der Zeitung Harvard Crimson lehnen 85% der Befragten die Reform ab. Viele fürchten negative Auswirkungen auf ihre Karrierechancen – besonders in einem ohnehin schwierigen Arbeitsmarkt. Die Studiengebühren liegen mittlerweile bei über 80.000 US-Dollar pro Jahr.

Erfolglose Vorläufer

Ähnliche Versuche, die Noteninflation einzudämmen, scheiterten bereits an anderen Elite-Unis. Sowohl Princeton als auch Wellesley College mussten ihre Pläne nach Protesten der Studierenden wieder zurückziehen, wie Bloomberg berichtete.

Die Fakultät stimmt am aktuellen Vorschlag diese Woche ab. Die Ergebnisse werden voraussichtlich am 20. Mai bekannt gegeben.