Die Neuverfilmung von ‚Herr der Fliegen‘, William Goldings weltberühmter Roman aus dem Jahr 1954, hat seit seiner Veröffentlichung Generationen von Lesern und Zuschauern geprägt. Das Buch zählt zu den meistgelesenen Schullektüren und wurde bereits mehrfach verfilmt – darunter die preisgekrönte Adaption von Peter Brook aus dem Jahr 1963, die heute zum Criterion Collection gehört. Der Stoff inspirierte zahlreiche Werke, von der Serie ‚Yellowjackets‘ bis hin zu einer Folge von ‚Die Simpsons‘. Doch die Frage bleibt: Brauchen wir eine weitere Adaption als vierteilige Netflix-Miniserie? Und vor allem: Gibt es noch unentdeckte Facetten der Geschichte zu erkunden?
Die Antwort lautet: nicht wirklich. Die Handlung ist bekannt: Nach einem Flugzeugabsturz strandet eine Gruppe britischer Jungen auf einer einsamen Insel. Ohne Erwachsene versuchen sie, sich selbst zu organisieren – doch schnell entstehen Machtkämpfe und soziale Hierarchien. Drei Jungen prägen die Dynamik: der intelligente, aber gemobbte Piggy (David McKenna), der brutale Jack (Lox Pratt), der Stärke und Jagd über alles stellt, und der charismatische Ralph (Winston Sawyers), der zwischen Gutmütigkeit und Manipulation schwankt.
Die Serie, die ursprünglich auf BBC ausgestrahlt wurde, stammt aus der Feder von Jack Thorne, der bereits mit ‚Adolescence‘ ähnliche Themen behandelte. Doch während sein Drehbuch in anderen Projekten überzeugte, wirkt die Adaption hier wie ein Versuch, Goldings Werk mit modernen Elementen aufzupeppen – ohne dabei neue Perspektiven zu eröffnen.
Thornes Ansatz, jede Folge nach einem der Protagonisten zu benennen, sollte deren Sichtweisen in den Vordergrund stellen. Doch die Idee verkommt schnell zur bloßen Fassade. Zwar beginnen die Episoden mit Rückblenden aus der Zeit vor dem Absturz, doch schon bald dominiert wieder die allwissende Erzählperspektive. Die vermeintliche Modernisierung wirkt wie ein unnötiger Anstrich, der den historischen Rahmen untergräbt. Ein Beispiel: Der berühmte Satz „sucks to your ass-mar“ wirkt in diesem Kontext fehl am Platz und bricht den pseudo-modernen Anspruch der Serie.
Auch die Rückblenden, die die Vorgeschichte der Charaktere beleuchten sollen, wirken wie ein verzweifelter Versuch, dem Stoff neue Tiefe zu verleihen. Doch statt Erkenntnisse zu liefern, bleiben sie oberflächlich. Die Serie verliert sich in diesen Ansätzen, statt die eigentliche Stärke von Goldings Werk zu nutzen: die psychologische Zerrissenheit der Figuren und die Frage, wie schnell Zivilisation in Barbarei umschlägt.
Fazit: ‚Herr der Fliegen‘ auf Netflix ist eine solide, aber letztlich entbehrliche Adaption. Wer die Geschichte noch nicht kennt, wird sie hier wiederentdecken – doch wer nach neuen Interpretationen sucht, wird enttäuscht sein. Die Serie bleibt ein Abklatsch des Originals, ohne dessen düstere Magie zu erreichen.