Gaza ist der Kompass. Dieser Satz prangte auf großen Transparenten beim People’s Conference For Palestine 2025 in Detroit und wurde von Aktivist:innen der Palästinensischen Jugendbewegung bei Reden und Protesten immer wieder betont. Er enthält eine Wahrheit, die die Welt noch nicht vollständig erfasst hat – doch sie wird sie unausweichlich einholen.
Gaza ist nicht nur ein Ort, sondern das Epizentrum eines Geschehens, das unser Handeln, Denken und Leben grundlegend prägen muss. Es ist der Brennpunkt eines Völkermords, der sich über ganz Palästina erstreckt und die Gewaltstrukturen der heutigen Weltordnung offenlegt. Gleichzeitig zeigt er den Widerstand, der nötig ist, um diese Strukturen zu zerstören.
Seit 2023 haben zahlreiche Autor:innen versucht, sich diesem Thema zu widmen. Diese Auseinandersetzung ist notwendig – denn wer Gaza ignoriert, ignoriert die Realität des Leidens. Jedes Denken, das die absolute Unmenschlichkeit der Gegenwart nicht reflektiert, steht bereits auf der Seite der Täter:innen. Gaza zu denken bedeutet auch Verantwortung zu übernehmen:
- Die Auseinandersetzung mit dem Thema muss mit der nötigen Ernsthaftigkeit erfolgen, um nicht in zynischer oder oberflächlicher Berichterstattung zu enden.
- Es gilt, die eigenen Grenzen zu erkennen, aber gleichzeitig zu versuchen, sie zu überwinden.
- Die Konfrontation mit dem Grauen ist unvermeidbar – doch sie muss über sich hinausweisen und auf Befreiung abzielen.
Doch genau hier scheitert das neue Buch „Thinking Gaza“ von Franco Berardi. Statt eine fundierte Analyse zu liefern, bleibt es in abstrakten Theorien und unscharfen Metaphern verhaftet. Berardi, sonst bekannt für seine kritischen Schriften zur digitalen Ökonomie, reduziert die Komplexität des palästinensischen Widerstands auf eine einseitige, fast schon esoterische Betrachtung.
Sein Ansatz verkennt die konkreten Erfahrungen der Menschen in Gaza, die seit Jahrzehnten unter Besatzung und Blockade leiden. Stattdessen konstruiert er ein theoretisches Konstrukt, das wenig mit der Realität vor Ort zu tun hat. Damit trägt er – bewusst oder unbewusst – zur Verharmlosung des Leidens bei.
Die intellektuelle Auseinandersetzung mit Gaza darf nicht in akademischen Debatten ersticken. Sie muss die Stimmen der Betroffenen hören und ihre Kämpfe sichtbar machen. Bücher wie Berardis „Thinking Gaza“ zeigen, wie wichtig es ist, klare Positionen zu beziehen – statt in abstrakten Spekulationen zu verharren.
„Wer Gaza nicht denkt, denkt nicht. Wer nicht handelt, handelt nicht.“ – Aktivist:innen-Slogan, People’s Conference For Palestine 2025
Die Debatte um Gaza ist keine theoretische Übung. Sie ist eine Frage des Überlebens – für die Menschen in Palästina und für die Zukunft einer gerechteren Welt. Es ist an der Zeit, dass sich Intellektuelle dieser Verantwortung stellen – und nicht in leeren Worten verharren.