Biologisches Altern als Indikator für Depressionen
Ein spezifischer Marker für biologisches Altern steht in Verbindung mit bestimmten, aber nicht allen Symptomen einer Depression. Dies geht aus einer aktuellen Studie hervor. Blutuntersuchungen, die die Alterung bestimmter weißer Blutkörperchen messen, können vor allem kognitive und stimmungsbezogene Anzeichen einer Depression vorhersagen – nicht jedoch körperliche Beschwerden.
Neue Erkenntnisse zur Früherkennung
Die im Journal of Gerontology veröffentlichte Studie bringt Forscher einen Schritt näher an die Identifizierung eines Biomarkers für Depressionen. Dieser könnte helfen, die psychische Erkrankung, von der fast jeder fünfte Erwachsene in den USA betroffen ist, früher und präziser zu diagnostizieren. Bisher erfolgt die Diagnose hauptsächlich anhand von Selbstauskünften der Patienten. Bluttests dienen bisher vor allem dazu, andere gesundheitliche Ursachen auszuschließen.
Depression ist nicht gleich Depression
„Depression ist keine einheitliche Erkrankung – sie äußert sich bei jedem Menschen anders“, erklärt Studienautorin Nicole Beaulieu Perez, Assistenzprofessorin am Rory Meyers College of Nursing der New York University. „Unsere Studie zeigt, dass Depressionen unterschiedliche biologische Grundlagen haben können, die oft durch allgemeine Diagnosekategorien verdeckt werden.“
Depressionen können sich in körperlichen Symptomen wie Müdigkeit, Appetitlosigkeit oder Unruhe äußern. Andere Betroffene leiden unter Stimmungs- oder kognitiven Beeinträchtigungen wie Hoffnungslosigkeit oder Anhedonie – der Unfähigkeit, Freude zu empfinden oder Interesse an früheren Aktivitäten zu verlieren.
Zusammenhang mit HIV und Immunsystem
Menschen mit Erkrankungen, die das Immunsystem beeinträchtigen – darunter HIV – entwickeln häufiger Depressionen. Dies könnte auf Faktoren wie chronische Entzündungen, Stigmatisierung und sozioökonomische Belastungen zurückzuführen sein. Besonders betroffen sind Frauen mit HIV, bei denen Depressionen die Therapie-Adhärenz erschweren.
„Für Frauen mit HIV, die unter Depressionen leiden, ist es wichtig, die Ursachen besser zu verstehen und die Erkrankung frühzeitig zu erkennen“, sagt Perez. „So können wir verhindern, dass sich die Depression negativ auf ihre allgemeine Gesundheit auswirkt.“
Epigenetische Uhren als Biomarker
Um die biologischen Grundlagen von Depressionen bei Frauen mit und ohne HIV zu untersuchen, analysierten die Forscher den Zusammenhang zwischen beschleunigtem biologischen Altern und der Erkrankung. Der biologische Alterungsprozess – der sich vom chronologischen Alter unterscheiden kann – lässt sich mithilfe von „epigenetischen Uhren“ messen. Diese Algorithmen erfassen chemische Veränderungen an der DNA.
Für die Studie wurden Daten von 440 Frauen ausgewertet – 261 mit HIV und 179 ohne HIV. Alle Teilnehmerinnen waren Teil der Women’s Interagency HIV Study. Die Depression wurde anhand der Center for Epidemiologic Studies Depression Scale (CES-D) gemessen, einem 20-teiligen Fragebogen, der sowohl körperliche als auch nicht-körperliche Symptome erfasst. Zusätzlich wurden Blutproben entnommen, um das biologische Altern mit zwei verschiedenen epigenetischen Uhren zu bestimmen: einer, die mehrere Zell- und Gewebetypen berücksichtigt, und einer, die speziell auf Monozyten – eine Art weißer Blutkörperchen – fokussiert ist.
Monozyten spielen eine zentrale Rolle bei Immunreaktionen und sind bei HIV-Infektionen sowie bei Depressionen erhöht. Die Forscher fanden heraus, dass die Alterung der Monozyten ein sensitiver Biomarker für nicht-körperliche Depressionssymptome ist – insbesondere für Anhedonie, Hoffnungslosigkeit und das Gefühl des Versagens.
Ausblick auf zukünftige Diagnostik
Die Ergebnisse könnten den Weg für präzisere Diagnoseverfahren ebnen. „Ein spezifischer Biomarker könnte helfen, Depressionen frühzeitig zu erkennen und gezieltere Therapien einzusetzen“, so Perez. Dies wäre besonders für Risikogruppen wie Frauen mit HIV von großer Bedeutung.