Seit Jahrzehnten dominiert die Debatte um Geschlechtergerechtigkeit am Arbeitsmarkt ein Bild: die gläserne Decke. Wir zählen Frauen in Vorständen, verfolgen Karrieren von CEOinnen und diskutieren das Risiko des 'Glass Cliff', wenn Frauen in Krisenzeiten befördert werden. Doch für Millionen Frauen über 45 ist das Problem ein anderes: Sie schaffen es nicht nach oben – sie kommen nicht mehr vom Fleck.
Der 'klebrige Boden' als strukturelle Falle
Während Elitekarrieren Schlagzeilen machen, erleben viele Frauen den 'klebrigen Boden' – eine strukturelle Falle, die sie in schlecht bezahlten, kaum aufstiegsorientierten Jobs festhält. Diese Jobs sind für die Wirtschaft unverzichtbar, werden aber systematisch unterbewertet. Mit zunehmendem Alter wird der 'Klebstoff' stärker: Sexismus, Altersdiskriminierung und unbezahlte Care-Arbeit verstärken die finanzielle Unsicherheit genau in der Phase, in der Frauen eigentlich ihre Altersvorsorge sichern sollten.
Erfahrung zahlt sich für Männer aus – nicht für Frauen
Theoretisch sollte Erfahrung den Wert einer Arbeitskraft steigern. Praktisch gilt das oft nur für Männer. Studien zeigen, dass sich geschlechtsspezifische Ungleichheiten mit dem Alter dramatisch verschärfen. In Frankreich, wo ich für die Fondation des Femmes zum 'klebrigen Boden' forschte, berechneten wir, dass Frauen zwischen 45 und 65 über 20 Jahre hinweg rund 157.000 Euro (184.000 US-Dollar) weniger verdienen als gleichaltrige Männer. Ähnliche Muster gibt es in den USA.
Hochqualifizierte Frauen haben Fortschritte gemacht. Doch Frauen ohne Hochschulabschluss – insbesondere Schwarze und hispanische Frauen – bleiben stark in Niedriglohnsektoren wie Pflege, Einzelhandel, Gastronomie, Verwaltung und persönlichen Dienstleistungen konzentriert. Der 'klebrige Boden' ist mehr als eine temporäre Einkommenslücke: Er ist ein System, das lebenslange Aufstiegsmöglichkeiten blockiert.
Die 'Care-Falle' hält Frauen gefangen
Der Motor des 'klebrigen Bodens' ist die unbezahlte Care-Arbeit. Der 'Motherhood Penalty' ist bekannt – doch die Care-Strafe endet nicht mit dem Erwachsenwerden der Kinder. Frauen zwischen 45 und 65 gehören oft zur 'Sandwich-Generation': Sie unterstützen erwachsene Kinder, pflegen alternde Eltern, kranke Partner oder Enkelkinder. Großmutterschaft wird in Arbeitsplatzdebatten oft übersehen – dabei übernehmen viele Frauen diese Rolle, während sie noch voll berufstätig sind. In Ländern mit unzureichender Kinderbetreuungsinfrastruktur werden Großmütter zu unsichtbaren Pufferzonen des Familiensystems. Sie reduzieren Arbeitsstunden, lehnen Beförderungen ab oder wechseln in flexiblere – aber schlechter bezahlte – Jobs, um unbezahlte Care-Arbeit zu leisten und ihren Töchtern den Berufseinstieg zu ermöglichen.
Unterbezahlte Systemrelevanz: Warum die Wirtschaft Care-Arbeit ignoriert
Die am stärksten wachsenden Branchen in den USA – Pflege, Gesundheitshilfe und soziale Dienstleistungen – sind genau die Bereiche, in denen der 'klebrige Boden' am stärksten wirkt. Diese Jobs gelten als systemrelevant, werden aber systematisch unterbezahlt, weil sie mit historisch feminisierten Tätigkeiten wie Pflege, Reinigung, emotionaler Arbeit und Koordination verbunden sind. In diesen Sektoren führt Erfahrung selten zu Lohnsteigerungen: Eine Frau kann 20 Jahre als Pflegehelferin arbeiten und verdient trotzdem kaum mehr als am Anfang ihrer Karriere.
Während professionelle Karrieren Seniorität belohnen, bestraft die Dienstleistungsbranche sie: mit körperlicher Belastung, instabilen Arbeitszeiten und Burnout. Der Rücken ist kaputt, bevor die Erfahrung honoriert wird – und die Care-Falle hört nie auf.
Finanzielle Sicherheit im Alter: Ein unmögliches Ziel?
Mit 55 haben viele Frauen bereits jahrzehntelang den 'Motherhood Penalty' getragen. Dann folgt der 'Menopause Penalty' – eine Phase, in der Frauen aufgrund von Altersdiskriminierung und gesundheitlichen Herausforderungen noch stärker benachteiligt werden. Am Ende steht ein Rentenloch, das ihre finanzielle Existenz bedroht. Die Wirtschaft profitiert von dieser unsichtbaren Arbeit, doch die Gesellschaft weigert sich, sie fair zu entlohnen.
„Der 'klebrige Boden' ist kein individuelles Problem, sondern ein strukturelles Versagen. Solange Care-Arbeit unsichtbar bleibt und Frauen in Niedriglohnsektoren festgehalten werden, wird Geschlechtergerechtigkeit eine Illusion bleiben.“
Was muss sich ändern?
- Lohnangleichung in Care-Berufen: Systemrelevante Jobs müssen fair bezahlt werden – unabhängig vom Geschlecht.
- Flexiblere Arbeitsmodelle: Unternehmen müssen Teilzeitmodelle und Homeoffice anbieten, um Care-Verantwortung und Beruf zu vereinbaren.
- Bessere Kinderbetreuung: Investitionen in öffentliche Kinderbetreuung entlasten Großmütter und ermöglichen Frauen den Berufseinstieg.
- Altersdiskriminierung bekämpfen: Ältere Frauen müssen gleiche Aufstiegschancen erhalten – unabhängig von ihrem Alter.
- Unbezahlte Care-Arbeit sichtbar machen: Gesellschaft und Politik müssen die unbezahlte Arbeit von Frauen anerkennen und in die Rentenberechnung einbeziehen.