Die Royal Society of London, die älteste nationale Akademie der Wissenschaften, trägt seit jeher das Motto „Nullius in verba“ – frei übersetzt: „Nimm niemandem sein Wort.“ Dieser Leitsatz steht für eine Grundhaltung, die empirische Beweise und experimentelle Überprüfungen über bloßen Glauben, Dogmen oder Traditionen stellt. Doch wie tiefgreifend diese Haltung unser modernes Denken prägt, zeigt die preisgekrönte Wissenschaftsjournalistin Helen Pearson in ihrem Buch Beyond Belief: How Evidence Shows What Really Works.
Pearson beschreibt darin die „Evidenzrevolution“, eine Bewegung, die sich seit den 1980er-Jahren in Bereichen wie Medizin, Bildung, Management und Kriminalpolitik durchsetzt. Ihr Ziel: Entscheidungen nicht mehr auf Anekdoten, Expertenmeinungen oder altem Brauchtum zu gründen, sondern auf soliden Forschungsergebnissen. Doch die Realität sieht oft anders aus – wie das Beispiel der Säuglingssterblichkeit zeigt.
Wenn Autorität tödlich endet
Eines der erschreckendsten Beispiele für die Gefahren unkritischer Autoritätsgläubigkeit ist die Empfehlung, Säuglinge in den 1950er-Jahren auf dem Bauch schlafen zu lassen. Der Grund: Der einflussreiche Kinderarzt Benjamin Spock hatte sich in seiner überarbeiteten Ausgabe von The Common Sense Book of Baby and Child Care (1958) auf die vermeintliche Expertise des Pädiaters Paul Woolley Jr. berufen. Die Folge: Die Zahl der Fälle des plötzlichen Kindstods (SIDS) stieg dramatisch an, da die Bauchlage das Risiko deutlich erhöhte. Erst 1990 zeigte eine Studie, dass SIDS-Babys fast neunmal häufiger auf dem Bauch schliefen. Eine öffentliche Kampagne riet daraufhin zur Rückenlage – mit sofortiger Wirkung: Die SIDS-Fälle gingen um fast 70 Prozent zurück.
Pearson zieht ein vernichtendes Fazit:
„Die Empfehlung, Säuglinge auf dem Bauch schlafen zu lassen, zählt heute zu den tödlichsten Beispielen für unbelegte Ratschläge in der Geschichte der Kinderheilkunde.“
Evidenzbasierte Medizin: Ein junges Konzept mit großer Wirkung
Dass Medizin auf nachweisbaren Fakten beruhen sollte, erscheint heute selbstverständlich. Doch wie Pearson betont, ist der Begriff „evidenzbasierte Medizin“ erst etwa 35 Jahre alt. Erst in den 1980er-Jahren begannen Pioniere wie Archie Cochrane und später David Sackett, systematisch Daten zu sammeln und Therapien wissenschaftlich zu überprüfen. Ein zentrales Instrument dabei sind randomisierte kontrollierte Studien (RCTs).
Bei RCTs werden Teilnehmer:innen per Zufall entweder einer Behandlungsgruppe (mit neuer Therapie) oder einer Kontrollgruppe (mit Placebo oder Standardbehandlung) zugeteilt. Durch den Vergleich der Ergebnisse lassen sich Wirksamkeit und Nebenwirkungen einer Methode objektiv bewerten – und Verzerrungen minimieren. Doch wie Pearson kritisch anmerkt, sind viele RCTs fehlerhaft: Zu kleine Stichproben, mangelhafte Berichterstattung über negative Ergebnisse oder unklare Handlungsanweisungen für die Praxis führen dazu, dass 85 Prozent der medizinischen Forschung verschwendet wird, wie eine Studie im Lancet (2009) zeigt.
Warum die meisten Studien falsche Ergebnisse liefern
Der Biostatistiker John Ioannidis belegte bereits 2005 in einer vielbeachteten Analyse, warum die meisten veröffentlichten Forschungsergebnisse falsch sind. Gründe dafür sind unter anderem:
- Zu kleine Stichproben: Effekte werden überschätzt, wenn zu wenige Proband:innen untersucht werden.
- Publication Bias: Negative oder nicht signifikante Ergebnisse werden seltener veröffentlicht – was ein verzerrtes Bild der Realität erzeugt.
- Methodische Mängel: Schlechte Studienplanung oder unpassende statistische Methoden führen zu irreführenden Schlussfolgerungen.
Um diese Probleme zu lösen, gründete sich 1992 die Cochrane Collaboration, eine internationale Non-Profit-Organisation. Sie erstellt systematische Übersichtsarbeiten und Metaanalysen, um Ärzt:innen und Entscheidungsträger:innen die bestmögliche Evidenz für wirksame Behandlungen zur Verfügung zu stellen. Ihr Motto: „Vertrau der Evidenz, nicht der Autorität.“
Die Evidenzrevolution: Ein langsamer, aber notwendiger Wandel
Pearson macht deutlich: Die Evidenzrevolution ist kein abgeschlossenes Projekt, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Während in der Medizin bereits Fortschritte erzielt wurden, hinkt die Umsetzung in anderen Bereichen wie Bildung oder Strafjustiz oft hinterher. Dort dominieren noch immer Traditionen, politische Interessen oder persönliche Meinungen – mit teils gravierenden Folgen.
Ihr Buch ist eine Mahnung und ein Aufruf: In einer Welt voller Fehlinformationen und Halbwahrheiten ist es entscheidend, sich auf solide Daten und nachprüfbare Fakten zu verlassen. Denn wie das Motto der Royal Society schon vor Jahrhunderten forderte: „Nimm niemandem sein Wort.“