Der neue Film „Karma“ von Regisseur Guillaume Canet beginnt mit einer scheinbar idyllischen Szene: Das Paar Jeanne (Marion Cotillard) und Daniel (Leonardo Sbaraglia) tanzt im Kerzenlicht zu dem Song „Until I Found You“ von Stephen Sanchez. Die Kamera von Benoît Debie fängt jede Regung ihrer Gesichter ein und inszeniert eine der romantischsten Einstellungen des Films. Doch dieser Moment der Zärtlichkeit dient nur als Kontrast zu dem, was folgt – eine düstere, brutale Reise durch die Hölle und zurück.
Ein Thriller, der sich wandelt – und dabei an Tiefe verliert
„Karma“ ist ein Film, der sich mehrfach neu erfindet. Anfangs wirkt er wie ein Familiendrama, in dem Misstrauen und unausgesprochene Geheimnisse die Beziehung des Paares belasten. Jeanne, gespielt von Cotillard, pflegt eine ungewöhnlich enge Bindung zu ihrem Patensohn Mateo. Doch ihre Fürsorge wirkt auf andere zunehmend bedrohlich. In einer Schlüsselszene beschimpft sie während eines Fußballspiels den Trainer, nachdem dieser eine Fehlentscheidung getroffen hat – und wirkt dabei selbst wie eine Besessene.
Die Inszenierung verstärkt das Gefühl der Bedrohung. In einer beunruhigenden Sequenz hält Daniel mitten auf einer Landstraße an, während Nebel und Scheinwerfer die Umgebung in gespenstische Halbdunkelheit tauchen. Die Kameraarbeit von Debie betont Cotillards Mimik, die zwischen Zärtlichkeit und unheimlicher Entschlossenheit schwankt. Doch trotz dieser starken visuellen Elemente verliert der Film schnell an Fokus.
Religiöser Fanatismus und psychologische Abgründe
„Karma“ thematisiert, wie religiöser Extremismus nicht nur den Geist, sondern auch den Körper kontrolliert. Der Film wirft Fragen auf über die Grenzen zwischen Hingabe und Manipulation, zwischen Liebe und Besessenheit. Doch statt diese Themen konsequent zu vertiefen, wechselt der Film frühzeitig in ein klassisches Rache-Szenario: Jeanne kämpft darum, einem religiösen Kult zu entkommen, der sie gefangen hält.
Während die ersten zwei Drittel des Films noch Rätsel aufwerfen und Spannung erzeugen, verflacht die Handlung im Finale zu einer vorhersehbaren Fluchtgeschichte. Die zentralen Mysterien werden zu früh aufgelöst, sodass der Film stattdessen in moralische Predigten abdriftet. Die Kritik an religiösem Missbrauch und der Auslegung göttlichen Willens durch fehlerhafte Menschen bleibt zwar präsent, wirkt aber oft wie ein nachträglich aufgesetzter Kommentar.
Marion Cotillard glänzt – doch der Film enttäuscht
Marion Cotillard liefert eine herausragende Leistung. Sie verkörpert Jeanne mit einer Mischung aus Verletzlichkeit und unerbittlicher Entschlossenheit. Ihre Darstellung macht die emotionalen Konflikte der Figur greifbar – besonders in Szenen, in denen sie zwischen mütterlicher Fürsorge und innerer Zerrissenheit schwankt. Doch trotz ihrer starken Präsenz wirkt der Film insgesamt unausgeglichen. Die vielschichtigen Themen werden nicht ausreichend ausgelotet, und die Handlung verliert sich in Klischees.
Die visuelle Gestaltung von „Karma“ ist beeindruckend. Benoît Debies Kameraarbeit und die düstere Ästhetik schaffen eine beklemmende Atmosphäre. Doch diese Stärken können nicht über die strukturellen Schwächen des Films hinwegtäuschen. Am Ende bleibt ein ambivalentes Gefühl: Einerseits ein sehenswerter Thriller mit starken schauspielerischen Leistungen, andererseits ein Film, der sein Potenzial nicht voll ausschöpft.
„Karma“ ist ein Film, der zwischen Genialität und Enttäuschung schwankt. Die ersten Szenen versprechen einen tiefgründigen Psychothriller, doch der Film verflacht zu einer simplen Fluchtgeschichte. Dennoch: Marion Cotillards Darstellung ist ein Grund, ihn trotzdem zu sehen.“