Hirokazu Kore-edas neuester Film ‚Sheep in the Box‘ hat auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes in der Hauptwettbewerbskategorie Premiere gefeiert. Das Werk verbindet futuristische Elemente mit einer berührenden Erzählung über Trauer, Elternschaft und die Ambivalenz moderner Technologie.

Kore-eda, bekannt für Filme wie ‚Shoplifters‘ und ‚Still Walking‘, gilt als Humanist des Kinos. Seine Filme zeigen stets die Widersprüche der menschlichen Natur: die Fähigkeit zur Zerstörung ebenso wie die Bereitschaft, trotz eigener Interessen für andere zu opfern. ‚Sheep in the Box‘ weicht bewusst von klassischen Genre-Konventionen ab und widmet sich stattdessen der Frage, wie Technologie Trauerprozesse sowohl lindern als auch erschweren kann.

Eine Stadt zwischen Natur und Fortschritt

Bereits die Eröffnungssequenz macht deutlich, welche Themen Kore-eda aufgreift. Die Kamera gleitet über die Stadt Yokohama, die sich harmonisch in die grüne Landschaft einfügt. Die Architektur dominiert die Szenerie, während die Menschen darin kaum sichtbar sind. Ein Text erklärt die Handlung in einer „nicht allzu fernen Zukunft“. Ein Lieferdrohne transportiert ein unbekanntes Paket durch die Luft, während eine zweite in entgegengesetzter Richtung fliegt. Diese Bilder symbolisieren die Koexistenz von Technologie, Natur und Menschlichkeit – allerdings mit ungleichen Anteilen.

Ein Haus im Einklang mit der Natur

Im Mittelpunkt steht das Ehepaar Otone Komoto (Haruka Ayase) und Kensuke Komoto (Daigo Yamamoto), das in einem lichtdurchfluteten Haus lebt, das sich nahtlos in die umgebende Vegetation einfügt. Die Architektur verzichtet auf künstliche Beleuchtung – ein Kontrast, der die Einsamkeit der Nacht noch betont. Das Paar trauert um ihren verstorbenen Sohn Kakeru (Rimu Kuwaki).

Eines Tages erhält Otone eine Werbung für humanoide Roboter, die verstorbene Angehörige simulieren. Die Technologie wird kostenlos angeboten, was Kensuke zunächst skeptisch stimmt. Doch die Aussicht, ihren Sohn zumindest in einer digitalen Form zurückzuholen, überzeugt ihn. „Das Unglück anderer lässt sich offenbar gewinnbringend vermarkten“, kommentiert er trocken.

Ein Roboter als Ersatz – und seine Grenzen

Der Großteil des Films widmet sich der Integration des robotischen Kakeru in das Leben der Komotos. Kore-edas ruhiges Erzähltempo ermöglicht es, die emotionalen und ethischen Implikationen dieser Technologie zu erkunden. Der Roboter ist eine perfekte physische Nachbildung des verstorbenen Sohnes – doch die technischen Einschränkungen offenbaren die Kluft zwischen Erinnerung und Realität.

Kensuke entdeckt, dass der Roboter über verschiedene Intelligenzstufen verfügt und bei niedrigem Akkustand einen Ladesessel benötigt. „Das ist wie ein Tamagotchi mit einem Roomba“, scherzt er. Der Roboter zeigt zwar den Willen zu lernen, doch er hat nie das Leben des echten Kakeru gelebt. Otone versucht, die Illusion aufrechtzuerhalten, während die Grenzen der Technologie zunehmend sichtbar werden.

Eine Reflexion über Verlust und Technologie

Kore-edas Film stellt keine einfachen Antworten bereit. Stattdessen lädt er das Publikum ein, über die Frage nachzudenken, ob Technologie Trauer lindern oder nur verschleiern kann. ‚Sheep in the Box‘ ist weder ein dystopischer Albtraum noch ein naiver Tech-Optimismus – sondern ein melancholisches Porträt menschlicher Sehnsüchte und ihrer unvollkommenen Erfüllung.

Quelle: The Wrap