Ein Film, der Geduld belohnt

Der Titel ‚All of a Sudden‘ mag wie ein Scherz wirken, doch Ryusuke Hamaguchi zeigt mit seinem neuen Werk, dass es nichts Plötzliches an diesem Film gibt. Mit einer Laufzeit von drei Stunden und 16 Minuten ist ‚All of a Sudden‘ der längste Beitrag im Hauptwettbewerb des Cannes Film Festivals – nur sieben Minuten kürzer als Tiago Guedes‘ ‚Aquí‘. Hamaguchi, bekannt für seinen Oscar-nominierten Film ‚Drive My Car‘ und ‚Asako I & II‘, setzt erneut auf eine ruhige, menschliche Erzählweise, die Geduld erfordert und sich nicht scheut, in langen Dialogen zu verweilen.

Zwei Frauen, zwei Welten, eine ungewöhnliche Freundschaft

Im Mittelpunkt steht eine ungewöhnliche Begegnung zwischen zwei Frauen aus unterschiedlichen Kulturen. Marie-Lou Fontaine (Virginie Efira), eine Französin, die ein Pflegeheim in Paris leitet und Japanisch spricht, trifft auf Mari Morisaki (Tao Okamoto), eine japanische Theaterregisseurin mit terminalem Krebs, die fließend Französisch spricht. Beide verbindet ihr Interesse an zwischenmenschlichen Beziehungen – Marie-Lou durch ihre Arbeit mit der japanischen Pflegephilosophie Humanitude, die Patienten als vollständige Menschen behandelt, und Mari durch ihr Theaterprojekt, das sich mit gesellschaftlichen Normen auseinandersetzt.

Eine Begegnung, die alles verändert

Die Handlung beginnt, als Marie-Lou in Paris einen autistischen Jungen namens Tomoki vor einer gefährlichen Situation bewahrt. Dabei lernt sie Mari kennen, die mit ihrem Theaterensemble ein experimentelles Stück über die Schließung italienischer Psychiatrien aufführt. Marie-Lou besucht die Aufführung und ist fasziniert von der Intensität der Inszenierung. Was als zufällige Begegnung beginnt, entwickelt sich zu einer tiefgründigen Freundschaft, die beide Frauen herausfordert und verändert.

Ein Film zwischen zwei Sprachen und Kulturen

Hamaguchi, der bereits in ‚Drive My Car‘ mit multilingualen Dialogen arbeitete, setzt in ‚All of a Sudden‘ erneut auf eine Mischung aus Französisch und Japanisch. Die Protagonistinnen bewegen sich zwischen ihren kulturellen Hintergründen und schaffen so eine einzigartige Atmosphäre. Der Film lebt von seinen langen, ungeschnittenen Szenen, die den Zuschauern Raum geben, die Charaktere und ihre Beziehungen zu verstehen.

„All of a Sudden“ ist kein Film, der sich hetzen lässt. Er braucht Zeit, um zu wirken – genau wie das Leben selbst.
Ryusuke Hamaguchi

Ein Werk für aufmerksame Zuschauer

Wer sich auf die langsame Erzählweise einlässt, wird mit einer reichen, emotionalen Erfahrung belohnt. Hamaguchi verzichtet auf klassische Spannungsbögen und setzt stattdessen auf die Kraft der Dialoge und die Entwicklung seiner Figuren. Der Film erinnert an Asghar Farhadis ‚Parallel Tales‘, der ebenfalls im Wettbewerb von Cannes gezeigt wurde – ein weiterer Beweis für die internationale Ausrichtung des Festivals.

Mit ‚All of a Sudden‘ beweist Ryusuke Hamaguchi einmal mehr, dass Geduld und Detailverliebtheit im Kino zu unvergesslichen Momenten führen können. Ein Film, der lange nachhallt und zum Nachdenken anregt.

Quelle: The Wrap