Der polnische Regisseur Pawel Pawlikowski hat seinen neuen Film „Fatherland“ bewusst als Historienfilm über das geteilte Deutschland des Jahres 1949 inszeniert. Auf einer Pressekonferenz in Cannes erklärte er, warum er sich für diese Epoche entschied: „Ich bin heute verloren. Ich weiß nicht, in welcher Zeit wir leben. Deshalb habe ich einen Historienfilm gemacht.“
Pawlikowski, der mit „Ida“ 2013 den Oscar für den besten internationalen Film gewann und für „Cold War“ 2019 als bester Regisseur nominiert war, stellte in Cannes sein neues Werk vor. Der Film begleitet den deutschen Schriftsteller Thomas Mann und seine Tochter Erika auf einer Reise in das Nachkriegsdeutschland, um 1949 einen Preis entgegenzunehmen.
Auf die Frage, ob er Parallelen zur heutigen Zeit sehe, antwortete Pawlikowski ausweichend. Stattdessen betonte er seine Verwirrung über die aktuelle Weltlage: „Das Leben ist kompliziert, es gibt keine einfache Erzählung, und jeder Mensch ist in gewisser Weise paradox. Das versuche ich in meinen Filmen einzufangen – auf die einfachste Weise, die das Kino durch Bilder, Szenen und Töne vermitteln kann.“
In den Hauptrollen sind Hanns Zischler als Thomas Mann und Sandra Hüller als Erika zu sehen. Hüller, die bereits in einem weiteren Film eine deutsche Figur aus der Zeit um den Zweiten Weltkrieg spielte, wurde gefragt, ob sie sich bei der Darstellung von Frauen aus der NS-Zeit schuldig fühle. Ihre Antwort: „Ich verstehe diese Frage. Ja, ich fühle die Schuld jeden Tag. Und gleichzeitig langweile ich mich nie dabei, diese Schuld zu spüren, denn sie ist notwendig, um richtig zu handeln.“
Die Entstehung von „Fatherland“ geht auf eine abgesagte Produktion zurück: Ein zuvor geplantes Projekt mit Joaquin Phoenix und Rooney Mara, an dem Pawlikowski drei Jahre arbeitete, scheiterte kurz vor Drehbeginn wegen des Schauspielerstreiks. Anschließend erhielt er ein Drehbuch über Thomas Mann und konzentrierte sich auf einen spezifischen Moment im Leben des Autors: „Ich dachte, das könnte ein interessanter Film werden – nicht als historische Rekonstruktion, sondern als Abstraktion, die sich auf drei Charaktere, einen Moment und eine reduzierte Handlung konzentriert.“
Pawlikowski betonte, dass er die historischen Ereignisse um Manns Deutschlandreise zwar anpasste: „Die Reise unternahm eigentlich Katia, die Frau von Thomas Mann, aber sie war dramaturgisch weniger interessant. Deshalb haben wir Erika hinzugezogen, die eine faszinierende Figur ist.“ Zudem verschob er den Zeitpunkt eines Todesfalls im Film um drei Monate vor und fügte weitere Charaktere hinzu, darunter die Enkel des Komponisten Richard Wagner. „Wenn man Elemente hinzufügt, streicht und verdichtet, entsteht etwas, das auf menschlicher und historischer Ebene sehr reichhaltig ist – und sich dennoch einfach erzählen lässt.“