Animationsfilme über Krankheiten sind selten inspirierend – besonders wenn sie ganze Familien mit einer so grausamen Diagnose wie Alzheimer konfrontieren. Doch wer eine solche Herausforderung meistern muss, wäre gut beraten, dies mit der Familie aus ,Tangles‘ zu tun. Der liebevoll inszenierte und respektlos-witzige Animationsfilm erzählt als autobiografische Comic-Adaption die Geschichte einer Familie, die sich mit der Demenz der Mutter auseinandersetzt. Mit einer herausragenden Synchronbesetzung und einem cleveren Gespür für emotionale Momente gelingt ein Film, der nach seiner Premiere in Cannes ein breites Publikum erreichen sollte.
Die Handlung spielt im Jahr 1999: Sarah (Abbi Jacobson) scheint ihr Leben im Griff zu haben. Die junge Frau hat ihre Teenagerjahre hinter sich gelassen, lebt offen als lesbische Frau in San Franciscos queerer Szene und träumt von einer Karriere als Cartoonistin. Doch ihr Glück scheint perfekt, als sie nicht nur die attraktive Bikerin Donimo (Samira Wiley) kennenlernt, sondern auch berufliche Chancen winken. Dass dies ein Film aus einer anderen Zeit ist, verrät allein die Tatsache, dass Sarahs Erfolg noch als ungewöhnlich gilt. Doch bald muss sie ihr Leben unterbrechen, als die Familie sie zurück in ihre Heimatstadt ,Bumblef–k, Maine‘ ruft.
Regisseurin Leah Nelson und Drehbuchautorin Sarah Leavitt, deren gleichnamige Graphic Novel als Vorlage diente, blicken mit einer Mischung aus Nostalgie und Melancholie auf die Familie Leavitt. Während die Mutter Midge (Julia Louis-Dreyfus) noch voller Energie wirkt und ihre Symptome als Wechseljahre abtut, beginnen ihr Mann (Bryan Cranston) und die Schwestern (Pamela Adlon und Sarah Silverman) langsam zu ahnen, dass etwas nicht stimmt. Die jüngste Tochter Hannah (Beanie Feldstein) lebt ihr eigenes Leben und hat mit dem Dorf-Clown (Seth Rogen) eine Affäre, während Sarah als Einzige die Wahrheit erkennen muss. Dass die gesamte Synchronbesetzung – darunter auch Philip Rosenthal als Rabbi – aus der Comedy-Szene stammt, ist kein Zufall. Produzenten Seth Rogen und Lauren Miller Rogen verbinden damit ihre Arbeit im Film mit ihrem Engagement für Alzheimer-Forschung.
Ein Film zwischen Humor und Tragik
„Tangles“ setzt auf ein interessantes künstlerisches Konzept: Die surrealen und ausdrucksstarken Bilder der Vorlage werden mit dem Vokabular des modernen amerikanischen Humors verbunden. Der Film besticht durch seinen schnellen Rhythmus und zahlreiche Gags, die trotz des düsteren Themas für Leichtigkeit sorgen. Besonders gelungen ist eine Szene, in der die Familie auf die ärztliche Diagnose wartet. Bis das fatale Wort fällt, bleibt jede Hoffnung bestehen – und so verwandelt sich die Klinik in eine Art Casino, in dem die Familie im Stillen auf ein weniger schlimmes Ergebnis hofft. „Komm schon, Syphilis!“, ruft Jacobson in einer der humorvollen Szenen aus, bevor die harte Wahrheit unausweichlich wird.
Mit seinem einzigartigen Stil, der zwischen Trauer und Komik oszilliert, ist „Tangles“ mehr als nur ein Animationsfilm über Alzheimer. Er ist eine Hommage an die Widerstandsfähigkeit von Familien, die selbst in schwierigsten Zeiten Zusammenhalt und Humor bewahren. Dank einer herausragenden Synchronbesetzung und einer sensiblen Regie wird der Film zweifellos ein Publikum finden, das nach emotionalen Geschichten sucht.