Der iranische Regisseur Asghar Farhadi, bekannt für seine psychologisch dichten Erzählungen wie Ein separates Leben oder Der Ruf, präsentiert mit Parallel Tales (Histoires Parallèles) eine weitere Studie über menschliche Beziehungen – diesmal jedoch mit einem besonderen Fokus auf die Grenzen zwischen Realität und Einbildung.

Der Film beginnt mit einer klassischen Spionage-Szenerie: Eine Frau beobachtet ihre Nachbarn durch ein Fernglas, belauscht Gespräche und spinnt daraus eine Geschichte. Doch anders als bei Hitchcock oder De Palma geht es Farhadi nicht um Spannung oder Thriller-Elemente, sondern um die Frage, wie Fiktion die Realität beeinflussen kann. Seine Protagonistin Sylvie (Isabelle Huppert) ist eine exzentrische Schriftstellerin, die in ihrer chaotischen Wohnung lebt und ihre Nachbarn – drei Toningenieure – zu Figuren ihres neuen Romans macht.

Sylvie konstruiert eine komplexe Liebes- und Rachegeschichte: Nita (Virginie Efira) und Théo (Pierre Niney) seien ein Paar, doch Nita beginne eine Affäre mit Nicolas (Vincent Cassel), was Théo in einen gefährlichen Wahn treibt. Doch je mehr Sylvie in ihre Fantasie eintaucht, desto mehr verliert sie den Bezug zur Realität. Ihre Nichte Laurence (India Hair) versucht vergeblich, sie zu bremsen, während Adam (Adam Bessa), ein zufällig kennengelernter Handwerker, sich in Sylvias Geschichte verstrickt und selbst zum Beobachter wird.

Doch die Realität der Nachbarn ist weit weniger dramatisch: Théo und Nicolas sind Brüder, Nita eine überarbeitete Angestellte, die kaum Zeit für Mittagspausen hat. Dennoch zeigt Farhadi, wie gefährlich Projektionen sein können. Als Adam beginnt, die Nachbarn zu beschatten, stellt sich heraus, dass Sylvias Fantasie doch mehr Wahrheit enthält, als zunächst angenommen.

Stärken und Schwächen des Films

Farhadis Film besticht durch starke schauspielerische Leistungen, insbesondere Isabelle Huppert, die ihre Rolle mit der gewohnten Mischung aus Charme und Exzentrik spielt. Auch die Nebenrollen sind überzeugend besetzt, darunter Virginie Efira als gestresste Nita und Vincent Cassel als unberechenbarer Nicolas. Die Dialoge sind präzise, die Atmosphäre dicht – doch genau hier liegt auch das Problem.

Der Film leidet unter einer überlangen Laufzeit und einer Tendenz zur Wiederholung. Bestimmte Szenen und Motive werden immer wieder aufgegriffen, was den Fluss der Handlung unterbricht und den Film stellenweise zäh wirken lässt. Trotz der thematischen Tiefe und der interessanten Grundidee wirkt Parallel Tales dadurch weniger kohärent als Farhadis frühere Werke.

Fazit: Ein ambivalentes Meisterwerk?

Parallel Tales ist kein schlechter Film – im Gegenteil. Er bietet eine faszinierende Auseinandersetzung mit der Macht der Fantasie und den Konsequenzen, die entstehen, wenn Fiktion zur Realität wird. Doch die repetitive Struktur und die ungleichmäßige Erzählweise verhindern, dass der Film sein volles Potenzial entfaltet. Für Fans von Farhadis Stil könnte dies ein lohnendes, wenn auch anstrengendes Erlebnis sein – für andere möglicherweise eher enttäuschend.

Quelle: The Wrap