KI ist für viele Arbeitnehmer in den USA wie ein bedrohlicher Asteroid: ein unberechenbares Risiko, das die Arbeitswelt für immer verändern könnte. Experten streiten über Ausmaß und Folgen, doch schon die bloße Existenz dieser Technologie verunsichert die Gesellschaft. Wird sie alles vernichten – oder an uns vorbeiziehen? Für Arbeitslose hingegen ist die Debatte um KI ein Luxusproblem. Sie kämpfen bereits darum, überhaupt wieder Fuß auf den Arbeitsmarkt zu bekommen. Doch selbst dieser Kampf wird durch KI-Systeme immer aussichtsloser.

Während einige diskutieren, ob KI Jobs vernichten wird, erleben andere bereits jetzt, wie sie den Zugang zum Arbeitsmarkt blockiert. Es geht nicht um Automatisierung im klassischen Sinne, sondern um eine schleichende Verschlechterung der Chancen – ein Prozess, den Experten als „Enshittification“ bezeichnen. Für viele Bewerber ist es schon fast unmöglich geworden, überhaupt zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.

Wie KI-Systeme Qualifikationen unsichtbar machen

Ein aktueller Fall aus den USA zeigt exemplarisch, wie KI-Bewerbungsfilter selbst hochqualifizierte Kandidaten systematisch ausschließen. Chad Markey, ein 33-jähriger Absolvent einer Elite-Medizinhochschule, kämpft seit Monaten um eine Stelle in einem renommierten Krankenhaus. Trotz herausragender Noten, zehn veröffentlichten Forschungsarbeiten und glühenden Empfehlungsschreiben seiner Professoren erhält er ausschließlich Absagen.

Der Grund: Drei freiwillige Auszeiten in seinem Lebenslauf, die medizinisch notwendig waren. Markey litt unter einer Autoimmunerkrankung namens ankylosierende Spondylitis, die ihn zeitweise komplett arbeitsunfähig machte. In seinen Bewerbungen erklärte er dies ausführlich – doch die KI-Software, die seine Unterlagen prüfte, bewertete die Auszeiten als „freiwillig“ und wertete sie als negatives Signal. „Ich bin aus einem verdammten schwarzen Loch gekrochen“, zitiert ihn Wired. „Ich konnte sechs Monate lang nicht laufen. Und jetzt das?“

Cortex: Das umstrittene KI-Tool, das Bewerbungen sortiert

Im Zentrum des Problems steht eine Software namens Cortex, die derzeit in vielen US-Krankenhäusern als Bewerbungstool eingesetzt wird. Entwickelt von Thalamus, soll die KI-Bewerbungsfilterung Personalverantwortlichen helfen, aus Hunderten von Bewerbungen die vielversprechendsten Kandidaten herauszufiltern. Die Software analysiert Lebensläufe und erstellt eine übersichtliche Dashboard-Ansicht für die Personalabteilung.

Doch die Praxis zeigt: Die KI erkennt Nuancen nicht. Selbst wenn Bewerber ihre Auszeiten oder andere vermeintliche „Schwächen“ erklären, werden diese Informationen oft nicht korrekt interpretiert. Die Folge: Qualifizierte Kandidaten landen im digitalen Papierkorb, ohne je eine Chance auf ein persönliches Gespräch zu erhalten.

Warum KI-Systeme versagen

Das Problem liegt nicht in der Technologie selbst, sondern in ihrer Anwendung. Viele KI-Tools wurden entwickelt, um Zeit zu sparen – nicht, um faire Entscheidungen zu treffen. Sie scannen Lebensläufe nach Schlüsselwörtern und identifizieren vermeintliche „Risikofaktoren“, ohne den Kontext zu berücksichtigen. Für Menschen mit unregelmäßigen Karriereverläufen – etwa durch Krankheit, Elternzeit oder andere persönliche Umstände – bedeutet das oft das Aus.

Experten warnen seit Jahren vor diesen „Blackbox“-Systemen. Sie funktionieren nach Algorithmen, die niemand vollständig nachvollziehen kann. Selbst wenn die Software korrigiert wird, bleibt das Vertrauen in das System nachhaltig beschädigt. „Wir haben ein System geschaffen, das Menschen ausschließt, bevor sie überhaupt eine Chance hatten“, sagt ein Arbeitsmarktforscher gegenüber Wired.

Was kann gegen diese Entwicklung getan werden?

Die Forderung nach Transparenz wird lauter. Einige Unternehmen setzen bereits auf menschliche Überprüfung der KI-Entscheidungen oder schulen ihre Personalabteilungen im Umgang mit den neuen Tools. Andere fordern strengere Regulierungen, um sicherzustellen, dass KI-Systeme keine diskriminierenden Effekte haben.

Doch für Chad Markey und unzählige andere Bewerber kommt diese Hilfe zu spät. Sein Fall zeigt: Selbst die besten Qualifikationen reichen nicht mehr aus, wenn ein Algorithmus entscheidet, dass man nicht passt. Die Frage ist nicht mehr, ob KI den Arbeitsmarkt verändern wird – sondern wie sehr sie ihn bereits jetzt zerstört hat.

Quelle: Futurism