Ein Animationsfilm, der unter die Haut geht
Kohei Kadowakis Spielfilmdebüt „We Are Aliens“ ist ein Meisterwerk der Animation – gleichzeitig atemberaubend schön und zutiefst beunruhigend. Der Film erzählt die Geschichte zweier Jungen, Gyotaro und Tsubasa, deren Freundschaft sich über die Jahre wandelt. Doch was auf den ersten Blick wie ein klassisches Coming-of-Age-Drama wirkt, entpuppt sich als vielschichtige Erzählung über Einsamkeit, die zerstörerische Kraft von Mobbing und die menschliche Fähigkeit zur Grausamkeit.
Visuell überwältigend: Rotoskopie und detailreiche Animation
Die Animation von „We Are Aliens“ setzt Maßstäbe. Mit der Technik der Rotoskopie – bei der Live-Action-Aufnahmen als Vorlage für flüssigere Bewegungen dienen – schafft der Film eine fast greifbare Realität. Jede Szene ist durchzogen von taktiler Detailtreue: von einsamen Zimmern über belebte Straßen bis hin zu einfachen Details wie fallenden Blütenblättern, die den Lauf der Zeit symbolisieren. Die Bilder wirken wie lebendige Gemälde, in denen sich eine faszinierende, aber auch zerbrechliche Welt entfaltet.
Die visuelle Pracht des Films erinnert an Meisterwerke wie „Your Name“, ist jedoch ungleich düsterer. Jeder Frame strahlt eine fast schon melancholische Eleganz aus. Selbst in Momenten größter emotionaler Intensität bleibt die Animation präzise und ausdrucksstark – eine Hommage an die Kunstfertigkeit des Teams hinter dem Film.
Eine filmische Ouvertüre voller Andeutungen
Der Film eröffnet mit einer subtilen, aber eindringlichen Sequenz: Wir sehen keine Gesichter, nur Stimmen – die eines Elternteils und eines Kindes, die über den Mond sprechen. Die Szene spielt in einem Taxi, das einsam durch nächtliche Straßen fährt. Erst als der Fahrer kurz ins Blickfeld rückt, wird er aus der Distanz gezeigt – wie wir die Welt durch seine Augen wahrnehmen. Als seine Augenlider schwer werden und er vermutlich nach einem langen Arbeitstag erschöpft ist, gleitet ein Regentropfen über die Windschutzscheibe – und wirkt wie eine Träne. Diese Einstellung kündigt bereits an: Trotz aller visuellen Schönheit ist „We Are Aliens“ vor allem ein Film über Schmerz.
Die Protagonisten: Einsamkeit und kindliche Unschuld
Im Mittelpunkt stehen die beiden Jungen Gyotaro und Tsubasa. Besonders Tsubasa, der sich als zutiefst einsames Kind entpuppt, wird mit großer Authentizität gezeichnet. Der Film findet sogar Raum für humorvolle Momente, etwa wenn Tsubasa versucht, zu verbergen, dass er nachts heimlich Videospiele spielt – ein scheiternder Versuch, der für Lacher sorgt. Doch hinter der Fassade kindlicher Verspieltheit verbirgt sich eine tiefe Traurigkeit.
Die Beziehung der beiden Jungen entwickelt sich über Jahre hinweg, geprägt von Nähe und späterer Entfremdung. Was zunächst wie eine klassische Freundschaftsgeschichte wirkt, entfaltet sich zu einer schonungslosen Abrechnung mit den Abgründen menschlicher Beziehungen. Der Film zeigt, wie Mobbing und Gleichgültigkeit nicht nur die Opfer, sondern auch die Täter verändern – und wie Grausamkeit oft unbewusst weitergegeben wird.
Ein Film, der unter die Haut geht
„We Are Aliens“ ist kein leicht zu verdauender Film. Die Schönheit seiner Animation steht im Kontrast zu seiner schonungslosen Ehrlichkeit. Der Film zwingt den Zuschauer, sich mit Themen wie Isolation, emotionaler Kälte und der Frage auseinanderzusetzen, wie weit menschliche Grausamkeit gehen kann. Gleichzeitig findet er Momente der Hoffnung – etwa in der unerschütterlichen Freundschaft der beiden Jungen, auch wenn diese auf eine harte Probe gestellt wird.
Mit seinem Debüt beweist Kohei Kadowaki, dass er ein neues, kraftvolles erzählerisches und visuelles Talent ist. „We Are Aliens“ ist mehr als nur ein Animationsfilm – es ist ein Kunstwerk, das lange nachhallt.
„Ein Film, der Schönheit und Schmerz in perfektem Gleichgewicht hält – eine seltene und beeindruckende Leistung.“
Premiere in Cannes: Ein Film, der Aufmerksamkeit verdient
„We Are Aliens“ feierte seine Premiere im Rahmen der Directors’ Fortnight in Cannes. Der Film wurde dort als einer der vielversprechendsten Debüts des Festivals gefeiert und zeigt, dass Kadowaki ein neues, kraftvolles erzählerisches und visuelles Talent ist.