Typos in E-Mails gelten gemeinhin als Zeichen von Nachlässigkeit oder mangelnder Professionalität. Doch in einer Welt, in der KI-generierte Texte immer perfekter werden, kehren einige bewusst zu Fehlern zurück – als Ausdruck von Menschlichkeit. Ein neues KI-Tool namens Sinceerly macht genau das: Es fügt gezielt Tippfehler ein, um E-Mails natürlicher und weniger wie generische KI-Texte klingen zu lassen.
Ein Anti-Grammarly für mehr Authentizität
Ben Horwitz, Investmentpartner bei Dorm Room Fund und Student der Harvard Business School, entwickelte Sinceerly als Reaktion auf die wachsende Flut an offensichtlich KI-generierten E-Mails. „Wenn wir KI nutzen, um Texte zu schreiben, warum können wir dann nicht auch KI einsetzen, um unsere Texte wieder weniger wie KI klingen zu lassen?“, erklärt er gegenüber Fast Company. Sein Ziel: eine satirische Antwort auf die Überperfektionierung der digitalen Kommunikation.
Der Name „Sinceerly“ ist dabei Programm – absichtlich falsch geschrieben, um die Domain günstig zu erwerben. Das Tool funktioniert als Browser-Erweiterung und bietet drei Bearbeitungsstufen: subtil, menschlich und CEO. Während die ersten beiden Stufen leichte bis moderate Fehler einfügen, geht die CEO-Stufe radikal vor: Kurze Sätze, Umgangssprache und absichtliche Tippfehler dominieren. Ein Beispiel:
„think we should connect. potential here. quick call this week? lmk
Sent from my iPhone“
CEOs schreiben tatsächlich so – oder etwa nicht?
Horwitz testete Sinceerly mit einer provokanten These: Wenn CEOs tatsächlich so unperfekt kommunizieren, wie es die KI in der CEO-Stufe tut, dann sollten sie auf solche E-Mails reagieren. Er schickte fünf Test-E-Mails an Führungskräfte von Fortune-500-Unternehmen – und vier antworteten. Die Ergebnisse waren verblüffend:
- Alle Antworten waren kürzer als zehn Wörter.
- Zwei der Antworten enthielten Tippfehler.
- Ein CEO nannte ihn versehentlich „Larry“.
Horwitz räumt ein, dass sein Experiment nicht wissenschaftlich rigoros war. Dennoch zeigt es einen Trend: Perfektion ist nicht immer der Schlüssel zum Erfolg. Im Gegenteil – in einer überfluteten Postfachwelt können absichtlich menschliche Fehler sogar die Aufmerksamkeit erhöhen.
Warum Fehler manchmal besser ankommen
Ein E-Mail-Marketing-Experte berichtete Horwitz von einem ähnlichen Phänomen: Als er Tippfehler in Betreffzeilen einbaute, stieg die Öffnungsrate um bis zu 40%. Der Grund? Empfänger gehen davon aus, dass ein Mensch – und kein Bot – hinter der Nachricht steckt. In einer Zeit, in der KI-Texte immer schwerer von menschlichen zu unterscheiden sind, wird Authentizität zum Wettbewerbsvorteil.
Sinceerly ist damit mehr als nur ein Scherz: Es ist ein Kommentar zur digitalen Kommunikation und ein Werkzeug für alle, die in einer Welt der KI-Überflutung wieder gehört werden wollen. Ob als Marketingstrategie oder persönliche Note – die Rückkehr zu Fehlern könnte der nächste große Trend sein.
So funktioniert Sinceerly im Detail
Die Browser-Erweiterung analysiert den eingegebenen Text und passt ihn je nach gewählter Stufe an:
- Subtil: Leichte Kürzungen und vereinzelte, unauffällige Fehler.
- Menschlich: Mehr Umgangssprache, Abkürzungen und bewusst platzierte Tippfehler.
- CEO: Radikale Vereinfachung, Umgangssprache und offensichtliche Fehler – wie eine typische CEO-E-Mail.
Das Tool ist damit eine ironische, aber auch praktische Antwort auf die Herausforderungen der modernen Kommunikation. Ob es sich durchsetzt, bleibt abzuwarten. Fest steht: In einer Welt, in der KI immer mehr übernimmt, sehnen sich viele nach dem echten, fehlerbehafteten Menschsein.