Wenn der Alltag grau wird und die Sorgen um die Klimakrise drücken
Es war ein kalter Winterabend, als ich im Stau auf einer achtspurigen Autobahn stand. Rushhour, aber die Atmosphäre fühlte sich an wie spät in der Nacht: tiefe, graue Wolken hingen über dem Himmel. Die roten Rücklichter der Autos blinkten im Stop-and-Go, während neben der Fahrbahn ein Haufen schmutzigen, tagelang liegengebliebenen Schnees lag. Abgase der stehenden Fahrzeuge stiegen auf und vermischten sich mit den Wolken – ein Bild, das die Hoffnungslosigkeit der Situation widerspiegelte.
Ich wollte nur nach Hause, doch stattdessen schaltete ich das Radio ein. Die Stimme von Dr. Holli-Anne Passmore, Psychologieprofessorin an der Concordia University of Edmonton, unterbrach das Motorengeräusch und den Bass aus dem Nachbarauto. Sie sprach über ihre Forschung zu emotionalem Wohlbefinden – besonders im Winter, wenn viele Menschen unter den kurzen Tagen und der Dunkelheit leiden.
Passmores Erkenntnis war verblüffend einfach: Natur beobachten. In einer Studie mit 395 Studierenden in Edmonton und später mit 173 Studierenden in China zeigte sie, dass schon das bewusste Wahrnehmen von Alltagsnatur – ein Baum an der Straßenecke, ein Vogel am Futterhäuschen oder ein Eichhörnchen auf einem Zaun – Gefühle von Freude, Staunen und Dankbarkeit auslösen kann. Selbst in stark urbanisierten Umgebungen fühlten sich die Teilnehmer:innen zufriedener und verbundener mit der Natur.
Klimasorgen lähmen – doch Natur kann helfen
Für viele Menschen ist die Beziehung zur Natur heute komplex. Wie ich habe auch sie gelernt, unter dem Schatten der Klimakrise zu leben. Ein Master in Umweltpolitik an der Universität Cambridge verstärkte bei mir nur das Gefühl der Ohnmacht: Wie kann ich als Einzelne etwas bewirken in einer extraktivistischen Gesellschaft, die auf Selbstzerstörung zusteuert?
Wissen über die Klimakrise zu sammeln, ist wichtig – doch es belastet auch. Wer täglich Nachrichten verfolgt, kennt dieses Gefühl: Man sieht das Unglück kommen, hat aber keine Kontrolle über die Geschehnisse. Diese „Öko-Angst“ ist heute weit verbreitet. Obwohl sie kein offizielles Krankheitsbild ist, führt sie bei vielen zu Angst, Wut und Trauer angesichts der Erderwärmung und ihrer Folgen. Besonders junge Menschen sind betroffen, doch sie kann in jedem Alter auftreten.
Manchmal treibt die Angst zu aktivem Handeln an – etwa zu mehr Engagement, Informationsbeschaffung oder nachhaltigerem Lebensstil. Oft führt sie jedoch zu Erschöpfung und Resignation.
Kleine Momente mit großer Wirkung
Passmores Forschung zeigt: Schon wenige Sekunden, in denen wir bewusst die Natur wahrnehmen, können unsere Stimmung verbessern. Keine spektakulären Landschaften nötig – ein Spaziergang durch den Park, das Beobachten eines Vogels auf dem Balkon oder sogar der Blick aus dem Fenster auf einen Baum reichen aus.
In einer Welt, die von Nachrichten über Klimakatastrophen und Umweltzerstörung geprägt ist, bietet diese Erkenntnis eine einfache, aber wirksame Strategie gegen die Überforderung. Statt sich in Hoffnungslosigkeit zu verlieren, hilft es, bewusst innezuhalten und die kleinen Wunder des Alltags zu entdecken.
„Es geht nicht darum, die Probleme zu ignorieren, sondern sich bewusst Zeit zu nehmen, um die Schönheit und Verbundenheit mit der Natur zu spüren.“
Dr. Holli-Anne Passmore
Praktische Tipps gegen Öko-Angst
- Mikro-Momente in der Natur: Beobachte einen Baum auf dem Weg zur Arbeit oder einen Vogel auf dem Balkon.
- Bewusste Pausen: Nimm dir täglich fünf Minuten, um bewusst die Umgebung wahrzunehmen – ohne Ablenkung durch Handy oder Gedanken an die Zukunft.
- Achtsamkeit üben: Führe ein Natur-Tagebuch, in dem du kleine Beobachtungen festhältst.
- Gemeinschaft suchen: Tausche dich mit anderen über positive Naturerlebnisse aus – das verstärkt die Wirkung.
- Handeln, aber nicht überfordern: Engagiere dich lokal, aber setze dir realistische Ziele, um Überforderung zu vermeiden.
Fazit: Natur als Gegenmittel zur Klimasorge
Die Klimakrise ist real, und ihre Auswirkungen sind beängstigend. Doch statt uns von der Angst lähmen zu lassen, können wir lernen, die kleinen Momente der Natur bewusst zu erleben. Sie erinnern uns daran, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind – und dass selbst in der grauesten Umgebung noch Hoffnung und Schönheit zu finden sind.