Neandertaler-Babys: Größer und robuster als moderne Säuglinge
Neandertaler-Babys waren nicht nur größer, sondern wuchsen auch deutlich schneller als heutige menschliche Säuglinge. Zu diesem Schluss kommt ein internationales Forscherteam, das die Überreste eines sechs Monate alten Neandertaler-Kindes aus einer Höhle im Norden Israels untersuchte. Das Kind war zum Zeitpunkt seines Todes etwa so groß wie ein einjähriges modernes Menschenkind.
Die Wissenschaftler analysierten die Knochenreste, die bereits in den 1960er-Jahren entdeckt, aber erst in den 1990er-Jahren genauer untersucht wurden. Die Ergebnisse wurden kürzlich im Fachmagazin Current Biology veröffentlicht.
Robuste Knochen und schnelles Wachstum
Die Knochen des Neandertaler-Babys waren deutlich dicker und der Schädel größer als bei gleichaltrigen modernen Kindern. Dies hätte auf ein höheres Alter schließen lassen können. Doch die Zahnentwicklung verriet das wahre Alter des Kindes.
„Ich bin überzeugt, dass das histologische Alter der Zähne eine genauere Altersbestimmung ermöglicht als die Messung der langen Knochen oder des Schädelvolumens bei so jungen Individuen.“
Bereits 2022 hatten Studien gezeigt, dass Neandertaler-Kinder generell robustere Knochen besaßen als moderne Kinder. Auch ausgewachsene Neandertaler waren in der Regel stämmiger und kleiner als heutige Menschen.
Schnellere Entwicklung als Anpassung an harte Lebensbedingungen
Die Forscher vermuten, dass das schnellere Wachstum der Neandertaler-Babys eine Anpassung an die harten Lebensbedingungen in Europa und Asien war, wo sie zwischen 400.000 und 40.000 Jahren lebten. Die natürliche Selektion begünstigte offenbar Kinder, die schnell heranwuchsen und robust genug waren, um zu überleben.
„Wenn wir andere bekannte Neandertaler-Kinder vergleichen, zeigt sich das gleiche Muster: ein schnelleres Körper- und Gehirnwachstum, was auf einen höheren Energiebedarf hindeutet“, erklärt Been. „Dieses Muster zu verstehen, ist entscheidend, um herauszufinden, wer die Neandertaler waren und wie sie sich an ihre Umwelt anpassten.“
Neandertaler und moderne Menschen: Eine gemeinsame Vergangenheit
Trotz der Unterschiede in der Entwicklung gab es zwischen Neandertalern und modernen Menschen enge Kontakte. Genetische Spuren belegen, dass sich die beiden Arten vermischten. So tragen viele Menschen heute noch Neandertaler-DNA in sich, ein Erbe aus der Zeit, als beide Spezies nebeneinander lebten.
Die neuen Erkenntnisse über die Entwicklung der Neandertaler-Kinder werfen ein neues Licht auf diese ausgestorbene Menschenart und ihre Lebensweise. Gleichzeitig unterstreichen sie die Unterschiede zu modernen Menschen – und die Gemeinsamkeiten, die uns mit unseren ausgestorbenen Verwandten verbinden.
Hintergrund: Die Entdeckung des Neandertaler-Babys
Das untersuchte Neandertaler-Baby wurde zusammen mit etwa 20 weiteren Individuen in einer Höhle in Nordisrael gefunden. Die Knochen wurden zwar bereits in den 1960er-Jahren entdeckt, doch erst in den 1990er-Jahren begann die systematische Erforschung der Überreste. Die aktuelle Studie ist die erste umfassende Analyse der 111 geborgenen Knochen des Kindes.