BMI allein reicht nicht aus

Der Body-Mass-Index (BMI) gilt seit Jahrzehnten als Standardmaß für Übergewicht und Adipositas. Doch seine Aussagekraft ist begrenzt: Er berücksichtigt weder die Verteilung des Körperfetts noch individuelle Risikofaktoren wie genetische Veranlagung oder Lebensstil. In der Medizin wird der BMI zwar häufig zur Abschätzung von Folgeerkrankungen herangezogen, doch ein neues Modell verspricht eine deutlich präzisere Risikobewertung.

Integriertes Modell erkennt 18 Adipositas-Folgeerkrankungen

Ein internationales Forschungsteam hat ein innovatives Tool entwickelt, das über den BMI hinausgeht. Es analysiert zusätzlich Familiengeschichte, Ernährungsgewohnheiten, bestehende Erkrankungen und sozioökonomische Faktoren – allesamt aus medizinischen Aufzeichnungen extrahiert. Das Ziel: eine individuelle Risikoprognose für 18 schwere Komplikationen, die mit Adipositas in Verbindung stehen.

„Unser Ansatz ermöglicht es, nicht nur eine, sondern gleich 18 verschiedene, adipositasrelevante Folgeerkrankungen zu betrachten“, erklärt Claudia Langenberg, Mitautorin der Studie und Direktorin des Precision Healthcare University Research Institute an der Queen Mary University of London. Die Ergebnisse wurden kürzlich im Fachmagazin Nature Medicine veröffentlicht.

GLP-1-Medikamente: Mehr als nur Gewichtsverlust

Die Einführung von GLP-1-Agonisten wie Semaglutid oder Tirzepatid hat die Adipositas-Therapie revolutioniert. Ursprünglich zur Behandlung von Typ-2-Diabetes entwickelt, zeigen diese Medikamente mittlerweile auch Wirkung bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Nierenversagen, Fettleber, Schlafapnoe und Arthrose. Zudem führen sie zu einem deutlichen Gewichtsverlust. Doch wer profitiert am meisten von dieser teuren, oft lebenslangen Therapie?

Bisher erfolgte die Verschreibung häufig allein auf Basis des BMI oder in Kombination mit einer weiteren Erkrankung. Das neue Modell könnte hier Abhilfe schaffen: Es hilft Ärzten, Patienten zu identifizieren, die ein besonders hohes Risiko für multiple Folgeerkrankungen haben und daher von einer frühzeitigen Medikamentengabe profitieren würden.

Potenzial für personalisierte Medizin

Die Forscher betonen, dass ihr Modell nicht nur die Therapieentscheidungen verbessern, sondern auch die Prävention von Adipositas-Folgen vorantreiben könnte. Durch die frühzeitige Erkennung von Risikopatienten ließen sich gezielte Maßnahmen wie Ernährungsumstellungen, Bewegungstherapien oder medikamentöse Interventionen einleiten – noch bevor schwere Erkrankungen auftreten.

„Dieses Tool ist ein wichtiger Schritt hin zu einer präziseren, patientenzentrierten Medizin. Es zeigt, wie wichtig es ist, über den BMI hinauszudenken und individuelle Risikofaktoren in den Fokus zu rücken.“
Claudia Langenberg

Zukunft der Adipositas-Therapie

Die Studie unterstreicht die Notwendigkeit, Adipositas nicht länger als einheitliches Krankheitsbild zu betrachten, sondern als komplexe, multifaktorielle Erkrankung. Das neue Modell könnte langfristig dazu beitragen, die Behandlungskosten zu senken, indem es unnötige Therapien vermeidet und gleichzeitig die Effektivität von Medikamenten erhöht.

Die Forscher arbeiten bereits an der Weiterentwicklung des Tools, um es in klinischen Studien zu validieren. Langfristig könnte es Teil standardisierter Diagnoseverfahren werden und so die medizinische Versorgung von Menschen mit Adipositas nachhaltig verbessern.

Quelle: STAT News