Selbst war mehr als nur ein Magazin – es war eine Stimme für chronisch Kranke

Der Medienkonzern Condé Nast hat letzte Woche das Frauenmagazin Self eingestellt. Damit verliert die Gesundheitskommunikation eine wichtige Plattform, die in den letzten Jahren zunehmend über chronische Erkrankungen berichtete – sachlich, praxisnah und ohne unrealistische Wellness-Versprechen.

In einer internen Mitteilung begründete Condé-Nast-CEO Roger Lynch die Schließung damit, dass sich die Lesegewohnheiten verändert hätten und kein tragfähiges Geschäftsmodell mehr für Self als eigenständige digitale Publikation bestehe. Die Inhalte sollen nun in andere Magazine des Konzerns wie Allure und Glamour integriert werden. Self war bereits seit 2017 nur noch digital verfügbar und hatte sein Printangebot eingestellt.

Eine Stimme, die fehlte: Wie Self die Gesundheitsdebatte veränderte

Für viele chronisch kranke Frauen war Self eine seltene Ausnahme: Statt oberflächlicher Schönheitsideale oder zweifelhafter Langlebigkeits-Tipps bot das Magazin fundierte Artikel zu Themen wie ME/CFS, Long Covid oder Migräne – geschrieben von Betroffenen und Expert:innen. Diese Herangehensweise normalisierte nicht nur den Umgang mit chronischen Erkrankungen, sondern schuf auch ein Gefühl der Gemeinschaft.

„Self hat die Gesundheitsdebatte maßgeblich geprägt“, erklärte Jaime Seltzer, wissenschaftliche Direktorin der MEAction-Initiative, die sich für Menschen mit Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom einsetzt. In einem 2022 erschienenen Artikel von Self schilderte sie die Herausforderungen der Erkrankung – ein Text, der nach eigenen Angaben das Bewusstsein für ME/CFS und Long Covid deutlich erhöhte. „Je mehr Menschen wissen, dass sie eine Krankheit haben, desto eher können sie die nötige medizinische Versorgung erhalten“, so Seltzer. „Ein guter Artikel kann dabei helfen, Angehörigen zu erklären, was man durchmacht.“

Betroffene trauern um eine wichtige Ressource

Auch Beth Morton, eine Aktivistin im Bereich Migräneversorgung, schätzte Self für seine nicht-stigmatisierenden Beiträge, die von Betroffenen selbst verfasst wurden. „Trotz aller Kritik hatte Self noch immer einen großen Einfluss“, sagte sie. Myisha Malone-King, die unter Morbus Crohn lebt, erinnerte sich daran, wie Self ihr in einer schwierigen Phase Halt gab – etwa als sie nach der Diagnose einer Eierstockzyste kaum medizinische Unterstützung fand. „Ich fühlte mich extrem allein“, erklärte sie. „Die Schließung von Self ist ein großer Verlust.“

Was kommt nach Self? Ungewissheit über Archiv und digitale Präsenz

Condé Nast hat bisher nicht bekannt gegeben, was mit den digitalen Inhalten und dem Archiv von Self geschehen soll. Auf Anfrage blieb das Unternehmen eine Stellungnahme schuldig. Es bleibt unklar, ob die Seite weiterhin online bleiben oder wie bei anderen eingestellten Medienprojekten – etwa dem feministischen Magazin Bitch Media – in Vergessenheit geraten wird. Einige Artikel von Bitch werden mittlerweile auf der Plattform The Flytrap neu veröffentlicht.

Vivian Delchamps Wolf, Professorin für Englisch an der Dominican University of California und selbst chronisch krank und behindert, betonte, wie sehr Self die sozialen Dimensionen von chronischen Erkrankungen aufgegriffen habe. Ein Beispiel sei ein Artikel, der die Erfahrungen von Betroffenen mit unsichtbaren Behinderungen thematisierte – ein Thema, das in der Mainstream-Gesundheitsberichterstattung oft fehlt.

Fazit: Ein Verlust für die Gesundheitskommunikation

Self war mehr als ein Lifestyle-Magazin. Es bot eine Plattform für Stimmen, die sonst kaum Gehör fanden, und setzte Maßstäbe für eine ehrliche, betroffenenorientierte Gesundheitsberichterstattung. Mit seiner Schließung geht ein Stück Aufklärung verloren – und mit ihm eine Community, die sich endlich verstanden fühlte.