Eine 57-jährige Frau aus Lawrence, Kansas, die seit vielen Jahren eine dauerhafte Aufenthaltserlaubnis in den USA besitzt, wurde Mitte März am Detroit Airport für 30 Stunden festgehalten. Die Frau, die aus Sicherheitsgründen nur unter dem Vornamen Estelle genannt werden möchte, wurde in einer Zelle mit Betonboden untergebracht und mit Abschiebung bedroht. Der Grund: Sie hatte in einer lokalen Wahl ihre Stimme abgegeben – obwohl sie keine US-Bürgerin ist.

Estelle, die regelmäßig aus ihrer Heimat Frankreich in die USA zurückkehrt, dachte aufgrund einer falschen Auskunft des Führerscheinhintergrunds, sie sei wahlberechtigt. Bei der Erneuerung ihres Führerscheins 2023 wurde ihr von einer Mitarbeiterin des Verkehrsministeriums mitgeteilt, sie könne an lokalen Wahlen teilnehmen. Tatsächlich ist dies in ihrer Heimatstadt Lawrence jedoch nicht erlaubt. Sowohl Bundes- als auch Landesrecht verlangen für die Wahlregistrierung die US-Staatsbürgerschaft.

Behörden gehen systematisch gegen mutmaßlichen Wahlbetrug vor

Estelles Fall, der bisher nicht öffentlich bekannt war, wirft ein neues Licht auf die verschärften Maßnahmen der US-Behörden unter der Trump-Administration. Trotz fehlender Belege für systematischen Wahlbetrug durch Nicht-Staatsbürger werden gezielt Einzelfälle gesucht und verfolgt. Normalerweise fällt die Aufklärung von Wahlverstößen nicht in den Zuständigkeitsbereich der Zoll- und Grenzschutzbehörde CBP, doch im Fall Estelle wurde sie offenbar gezielt überprüft.

Ein Transkript ihres Verhörs, das ihr Anwalt ProPublica vorlegte, zeigt, dass die CBP-Beamten ihre Wahlbeteiligung kannten und gezielt nachfragten. Kerry Doyle, stellvertretende General Counsel im Heimatschutzministerium unter Biden, bezeichnete den Fall als „Nadel im Heuhaufen“ und zeigte sich überrascht, dass jemand am Grenzübergang wegen mutmaßlichen Wahlbetrugs festgehalten wurde.

Ein CBP-Sprecher bestätigte die Festnahme einer Frau, auf die Estelles Beschreibung zutrifft, und bestätigte, dass sie in Abschiebeverfahren überführt wurde. Auf die Frage, ob die Behörde nun systematisch Nicht-Staatsbürger zu ihrer Wahlbeteiligung befrage, ging der Sprecher nicht ein. Er betonte jedoch, dass illegales Wählen ein Abschiebegrund sei.

„Die Trump-Administration wird weiterhin unsere Gesetze durchsetzen. Wer gegen sie verstößt, wird verarbeitet, festgehalten und abgeschoben, wie gesetzlich vorgeschrieben.“

Keine Vorstrafen, aber gravierende Folgen

Estelles Anwalt Matthew Hoppock betonte, dass seine Mandantin keine Vorstrafen hat und ihre Greencard-Bedingungen stets eingehalten hat. Sie registrierte sich 2023 zur Wahl, als sie ihren Führerschein erneuerte, und stimmte im November 2023 in einer Wahl ab, die Stadtrats- und Schulbezirkswahlen umfasste. In späteren Wahlen nahm sie nicht mehr teil. Dennoch drohte ihr die Abschiebung – ein Schritt, der von Experten als unverhältnismäßig kritisiert wird.

Wahlrechtsexperten und Einwanderungsanwälte sehen in Estelles Fall eine gefährliche Präzedenzwirkung. Obwohl Wahlbetrug durch Nicht-Staatsbürger extrem selten ist, könnten solche Maßnahmen abschreckend wirken und legale Einwanderer verunsichern. Die CBP bestätigte zwar die Festnahme, ging aber nicht auf die systematische Überprüfung von Wahlbeteiligungen bei Nicht-Staatsbürgern ein.

Quelle: ProPublica