In den frühen Morgenstunden des 30. Septembers drangen schwer bewaffnete Bundesbeamte in ein Wohngebäude im Stadtteil South Shore in Chicago ein. Was als geplante Razzia begann, endete für 17 Mieter in einem Albtraum aus Gewalt und Terror. Jetzt klagen sie gegen das Department of Homeland Security (DHS) und weitere Behörden auf Millionen-Entschädigung.

Hundebiss, Schläge und psychische Folter

Tolulope Akinsulie, ein nigerianischer Mieter aus Wohnung 215, wurde von einem Diensthund angegriffen, als er sich aus dem Bett erhob. „Das Tier biss mir in die rechte Ferse und riss Fleisch von meinem Knöchel, Oberschenkel, Hüfte und Handgelenk“, berichtet er. Der Angriff warf ihn zu Boden, während schwer bewaffnete Agenten in seine Wohnung stürmten.

Im selben Gebäude wurden eine venezolanische Mutter und ihr 16-jähriger Sohn mit vorgehaltener Waffe aus ihrer Wohnung gezerrt. Im Flur beobachtete der Junge, wie ein Mann mit dem Gewehrkolben geschlagen und ein anderer, der am Boden lag, getreten wurde. „Mein Sohn begann zu hyperventilieren“, sagte die Mutter später.

Ein mexikanischer Mieter aus Wohnung 502 wurde gefesselt und mit den Worten „Sie sind hier nicht willkommen“ abgeführt. Seine Chicagoer Identitätskarte wurde vor seinen Augen zerrissen. Insgesamt 15 der Festgenommenen sind Immigranten, zwei besitzen die US-Staatsbürgerschaft.

Keine Durchsuchungsbefehle – aber brutale Gewalt

Die Anwälte der Betroffenen werfen den Bundesbeamten vor, ohne gültige Durchsuchungsbefehle gehandelt zu haben. „Es gab keinen Grund, mich so zu behandeln“, sagt Akinsulie, dessen Körper noch immer von den Hundebissnarben gezeichnet ist. Die Klage soll ein Zeichen setzen: „Jeder muss sich an Gesetze halten – auch Beamte.“

Die Vorwürfe umfassen körperliche Verletzungen, emotionale Traumata, „brutale Festnahmen“ und finanzielle Verluste. Jeder der 17 Anspruchsteller fordert etwa 5 Millionen US-Dollar Schadensersatz – ein Betrag, der laut Anwälten vergleichbar mit ähnlichen Urteilen in Chicago ist.

„Kein Geld der Welt kann das Trauma dieser Nacht ungeschehen machen“, sagt Susana Sandoval Vargas, Regionalanwältin des Mexican American Legal Defense and Educational Fund (MALDEF). „Es geht darum, die Bundesregierung zur Verantwortung zu ziehen.“

Hintergrund: Razzia im Rahmen der Einwanderungspolitik

Die Razzia vom 30. September war Teil der verschärften Einwanderungspolitik der Trump-Administration. Die Behörden rechtfertigten das Vorgehen mit der Suche nach undokumentierten Migranten. Doch die Zeugenaussagen zeichnen ein Bild von willkürlicher Gewalt und systematischer Einschüchterung.

Die Anwälte der Geschädigten betonen, dass die Klage nicht nur individuelle Entschädigung anstrebt, sondern auch eine klare Botschaft sendet: „Beamte sind nicht über dem Gesetz.“

Nächste Schritte: Rechtliche Aufarbeitung

Die eingereichten Schadensersatzforderungen markieren den ersten Schritt in einem langwierigen juristischen Prozess. Sollte das Gericht den Vorwürfen stattgeben, könnte dies Präzedenzfälle für ähnliche Fälle in Zukunft schaffen. Die Betroffenen hoffen auf Gerechtigkeit – und darauf, dass solche Übergriffe nie wieder vorkommen.

Quelle: ProPublica