Charles Mauldin stand am 7. März 1965 in der vordersten Reihe des historischen Marsch von Selma nach Montgomery, der später als „Bloody Sunday“ in die Geschichte einging. Damals war er 17 Jahre alt und kämpfte für das Wahlrecht der afroamerikanischen Bevölkerung. Als die Demonstranten versuchten, die Edmund Pettus Bridge in Selma zu überqueren, traf sie brutale Polizeigewalt: Schlagstöcke, Tränengas und Angst prägten diesen Tag.
„Wir wussten nicht, was uns erwartet“, erinnert sich Mauldin. „Ich hatte Angst, aber wir mussten uns über diese Angst erheben.“ Die Bilder der Gewalt verfolgten ihn ein Leben lang – bis er heute, mit 78 Jahren, erneut Zeuge wird: Tränengas gegen Kinder, diesmal nicht durch lokale Behörden, sondern durch Bundesbeamte unter Präsident Donald Trump.
Mauldin, der heute in Kalifornien lebt, sieht in den Nachrichten Videos und Fotos von Kindern, die während der Abschiebungskampagne der US-Regierung mit Tränengas und Pfefferspray attackiert werden. „Dass Menschen wie ICE uns so behandeln wie wir damals, ist schrecklich“, sagt er. „Es traumatisiert nicht nur die Kinder – es erinnert mich an meine eigenen Erfahrungen.“
Eine aktuelle Untersuchung von ProPublica zeigt, dass mindestens 79 Kinder seit Beginn von Trumps Abschiebungspolitik körperlich durch Tränengas oder Pfefferspray verletzt wurden. Darunter ein sechs Monate altes Baby, das kurzzeitig aufhörte zu atmen, ein 12-jähriger Junge mit Nesselsucht und ein 17-Jähriger, der einen schweren Asthmaanfall erlitt. Die meisten Vorfälle ereigneten sich nicht bei Demonstrationen, sondern im Alltag: Das Baby wurde in einem Auto getroffen, als eine Tränengasgranate darunter rollte; die anderen Kinder befanden sich in ihren eigenen vier Wänden.
Im Gegensatz zu vielen lokalen Polizeibehörden gibt es für Bundesbeamte keine einheitlichen Richtlinien für den Einsatz von Tränengas und Pfefferspray. Dies ermöglicht es dem Heimatschutzministerium (DHS) und der Einwanderungs- und Zollbehörde (ICE), diese Mittel mit größerer Freiheit einzusetzen – oft mit dramatischen Folgen für Unbeteiligte.
Mauldins Foto von 1965 zeigt ihn in der dritten Reihe der Demonstranten, direkt hinter Bürgerrechtsikone John Lewis. Heute blickt er mit Sorge auf die Entwicklungen: „Diese Gewalt gegen Kinder erinnert mich an die Schrecken meiner Jugend. Es darf nicht wieder passieren.“