Die politische Landschaft in den USA formiert sich bereits für die Präsidentschaftswahl 2028 – und mit ihr eine zentrale Debatte: Sollten Demokraten auf Deregulierung und wirtschaftlichen Aufschwung („Abundance“-Agenda) setzen oder auf populistische Forderungen nach mehr Arbeitnehmerrechten? Zwei Gouverneure stehen exemplarisch für diese Spannung: Pennsylvanias Gouverneur Josh Shapiro wirbt mit Deregulierung und schneller Umsetzung von Projekten („Get Stuff Done“), während Kaliforniens Gouverneur Gavin Newsom mit einem ambitionierten Wohnungsbauprogramm scheitert – unter anderem wegen Widerstands der Gewerkschaften.
Eine neue Studie der Roosevelt Foundation, verfasst von den Columbia-Experten Kate Andrias und Alex Hertel-Fernandez, fordert nun eine Neuausrichtung: Gewerkschaften seien kein Gegner, sondern ein unverzichtbarer Partner für eine „demokratische Wohlstandsstrategie“. Die Autoren argumentieren, dass organisierte Arbeitnehmer nicht nur Löhne und Arbeitsbedingungen verbessern, sondern auch Infrastrukturprojekte beschleunigen können – wenn sie frühzeitig eingebunden werden.
Warum Gewerkschaften die „Abundance“-Agenda stärken
Die Studie widerlegt gängige Vorurteile: Demnach bremsen Gewerkschaften den Wohnungsbau nicht aus, sondern senken langfristig die Kosten. Während die Baukosten in den USA steigen – besonders in Staaten mit schwacher Gewerkschaftsbindung –, zeigen Länder mit hoher Tarifbindung stabilere Preise. Zudem seien Gewerkschaften per Gesetz zu demokratischen Strukturen verpflichtet, was sie von anderen Interessengruppen unterscheide, die oft undurchsichtige Entscheidungsprozesse haben.
„Wir müssen uns fragen: Wo bleiben die Arbeitnehmer in dieser Debatte?“, sagt Hertel-Fernandez. „Gewerkschaften bringen nicht nur Fachkräfte hervor, sondern auch Vertrauen in der Bevölkerung – das reduziert Widerstände gegen große Bauprojekte.“ Die Autoren verweisen auf erfolgreiche Beispiele wie das „Project Labor Agreements“, bei denen Gewerkschaften und Arbeitgeber frühzeitig kooperieren, um Streiks und Klagen zu vermeiden.
Gewerkschaften als Brücke zwischen Wirtschaft und Gesellschaft
Die Studie betont, dass Gewerkschaften nicht nur ökonomische, sondern auch soziale Funktionen erfüllen: Sie vermitteln zwischen Unternehmen und Kommunen, sorgen für qualifizierte Arbeitskräfte und erhöhen die Akzeptanz für Infrastrukturprojekte. „Ein starker Wohnungsbau erfordert nicht weniger, sondern mehr Mitsprache der Betroffenen“, so Andrias. „Gewerkschaften sind hier natürliche Verbündete.“
Diese These gewinnt an Bedeutung, da am 1. Mai landesweit Aktionen der „No Kings“-Bewegung mit gewerkschaftlichen Forderungen nach besseren Arbeitsbedingungen zusammenfallen. Die Debatte um „Abundance“ vs. Gewerkschaften könnte damit eine neue Dynamik erhalten – weg von der falschen Alternative hin zu einer gemeinsamen Strategie für Wachstum und soziale Gerechtigkeit.