Nährstoffverlust durch CO₂: Eine stille Gefahr für die Ernährung
Die Auswirkungen des Klimawandels sind oft unsichtbar – doch sie verändern unser tägliches Leben auf tiefgreifende Weise. Eine aktuelle Studie zeigt: Die steigende CO₂-Konzentration in der Atmosphäre macht die Pflanzen, die wir essen, weniger nährstoffreich. Obwohl die Veränderungen zunächst gering erscheinen, könnten sie bereits heute Millionen von Menschen mit einseitiger Ernährung gefährden – und die Situation wird sich in den kommenden Jahrzehnten weiter verschärfen.
Weniger Proteine, Eisen und Zink in Grundnahrungsmitteln
Forscher der Universität Leiden analysierten in einer im November veröffentlichten Studie die Nährstoffwerte von 43 wichtigen Nutzpflanzen, darunter Reis, Weizen und Soja. Das Ergebnis: Seit den späten 1980er-Jahren sind die Gehalte an Proteinen, Eisen und Zink in diesen Pflanzen um durchschnittlich 3,2 % gesunken. Als Hauptursache identifizierten die Wissenschaftler den Anstieg des atmosphärischen CO₂.
Kristie Ebi, Professorin am Center for Health and the Global Environment der University of Washington, erklärt: „Die Ernährung, die wir heute zu uns nehmen, hat eine geringere Nährstoffdichte als die unserer Großeltern – selbst wenn wir exakt dieselben Lebensmittel essen.“
Wie CO₂ die Pflanzen verändert
Pflanzen nutzen CO₂ für ihr Wachstum und wandeln es in Zucker um, der ihnen als Energiequelle dient. Doch während sie durch den erhöhten CO₂-Gehalt schneller und größer werden, bleibt ihre Fähigkeit, Nährstoffe aus dem Boden aufzunehmen, unverändert. Dadurch verdünnen sich die Konzentrationen von Mineralien wie Eisen und Zink in den Pflanzen.
Ein weiterer Effekt: Durch den CO₂-Überschuss müssen Pflanzen ihre Spaltöffnungen (Stomata) seltener öffnen, um Luft aufzunehmen. Normalerweise verdunstet dabei Wasser, das die Pflanzen über ihre Wurzeln aus dem Boden aufnehmen – zusammen mit den lebenswichtigen Mineralien. Da die Stomata nun länger geschlossen bleiben, reduziert sich auch die Nährstoffaufnahme.
Lewis Ziska, Pflanzenbiologe an der Columbia University und langjähriger Forscher zu diesem Phänomen, fasst zusammen: „Die Pflanze wird effizienter, doch der Mensch zahlt den Preis – und der ist hoch.“
Gefahr für Millionen: Zink- und Eisenmangel verschärfen sich
Die Folgen sind alarmierend: Eine Studie aus dem Jahr 2018 prognostiziert, dass bis zu 175 Millionen Menschen zusätzliche Probleme durch Zinkmangel entwickeln könnten. Gleichzeitig könnten rund 1,4 Milliarden Frauen und Kinder vier Prozent ihres Eisenbedarfs verlieren – eine Entwicklung, die bestehende Anämie-Fälle verschlimmert. Eisenmangel kann zu Komplikationen in der Schwangerschaft, Entwicklungsstörungen bei Kindern und sogar zum Tod führen.
Bereits jetzt leidet etwa ein Viertel der Weltbevölkerung an Anämie. In Regionen mit ohnehin prekärer Ernährungssituation könnte der Nährstoffverlust in Grundnahrungsmitteln die Lage weiter eskalieren lassen.
Wissenschaftler fordern dringend Maßnahmen
Die Forscher betonen, dass die bisher beobachteten Veränderungen erst der Anfang einer besorgniserregenden Entwicklung sind. Sterre ter Haar, Hauptautorin der Studie, warnt: „Selbst kleine prozentuale Rückgänge können massive Auswirkungen auf die globale Gesundheit haben – besonders in Ländern, in denen die Ernährung ohnehin knapp ist.“
Die Ergebnisse unterstreichen die Dringlichkeit, den Klimawandel zu bekämpfen und gleichzeitig Strategien zu entwickeln, um die Ernährungssicherheit zu gewährleisten. Dazu gehören unter anderem die Züchtung nährstoffreicherer Pflanzensorten und die Förderung einer vielfältigeren Ernährung.