Eine schmächtige Jugendliche mit Zopf, der durch die Öffnung ihrer Mütze lugt, sagt: „Ich heiße Darina und werde nächstes Jahr 150.000 Rubel (fast 2.000 US-Dollar) im Monat verdienen.“ Sie arbeitet in einer Fabrik in Tatarstan und montiert Drohnen vom Typ Shahed – eine Aufgabe, die sie als „größte Drohnenfabrik der Welt“ bezeichnet. „Meine Eltern sind stolz auf mich. Wollt ihr das auch machen?“, wirbt sie für eine technische Schule in der Region.

Seit 2022 lockert Russland die Gesetze zur Kinderarbeit. 14-Jährige dürfen nun in der Rüstungsindustrie eingesetzt werden. Politiker fordern eine Reform veralteter Vorschriften, die einst gefährliche Tätigkeiten für Minderjährige verboten. Drohnenbau ist nur ein Teil der Kriegsanstrengungen, bei denen Jugendliche rekrutiert werden. In einem „Content-Camp“ in Moskau wurden kürzlich über 120 Teenager von Soldaten und staatlichen Medien darin ausgebildet, Videos zu drehen, KI-Tools zu nutzen und als Influencer regimefreundliche Botschaften zu verbreiten.

Vladislav Golovin, ehemaliger Soldat und Leiter der „Russischen Nationalen Kadettenbewegung“, erklärte, das Programm habe „ein riesiges Team junger Menschen geschaffen, die verstehen, wie man Regierungsziele verbreitet.“

Flucht statt Propaganda

Doch viele Jugendliche zeigen wenig Interesse an staatlicher Indoktrination. Stattdessen suchen sie nach Wegen, das Land zu verlassen. Google-Trends-Daten belegen einen deutlichen Anstieg von Suchanfragen nach Emigrationsmöglichkeiten. Eine neue Auswanderungswelle würde Russlands demografische Krise weiter verschärfen. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs 2022 haben schätzungsweise eine Million Menschen Russland verlassen. Aktuellen Schätzungen zufolge sind bis zu 210.000 russische Soldaten gefallen, weitere 1,2 Millionen gelten als verwundet oder vermisst. Die Geburtenrate liegt auf dem tiefsten Stand seit 200 Jahren.

Arbeitskräftemangel und verzweifelte Maßnahmen

Arbeitsminister Anton Kotyakov warnte Präsident Wladimir Putin vor einem Arbeitskräftedefizit von elf Millionen Menschen bis 2030. Die Lage ist so besorgniserregend, dass Rosstat, das russische Statistikamt, die monatliche Veröffentlichung demografischer Daten eingestellt hat. Beamte und Gouverneure erhalten den Auftrag, innovative Lösungen für das scheinbar unlösbare Problem zu finden.

Die Verzweiflung der Führung zeigt sich in absurden Anweisungen wie der Empfehlung des Gesundheitsministeriums, Frauen, die keine Kinder wollen, an Psychologen zu überweisen. Bisherige Maßnahmen – von finanziellen Anreizen (auch für Schülerinnen unter 18) bis hin zum Verbot von „kindfrei“-Werbung und „LGBTQ-Propaganda“ – blieben wirkungslos. Gleichzeitig schüren staatliche Kampagnen Fremdenfeindlichkeit und antiwestliche Stimmungen, was die Zahl der Ausländer in Russland weiter sinken lässt. Neue Überwachungssysteme für Migranten, darunter biometrische Registrierung und Standorttracking, verschärfen die Situation zusätzlich.

Jugendliche als letzte Ressource

In der Drohnenfabrik von Alabuga, Tatarstan, steht Darina für eine Generation, die zwischen wirtschaftlicher Not und staatlichem Druck zerrissen ist. Während die Regierung auf ihre Arbeitskraft setzt, suchen andere den Ausweg – sei es durch Flucht oder Widerstand. Russlands demografischer Abgrund wird immer tiefer, und die Zeit für Lösungen läuft davon.

Quelle: Coda Story