Der Klimawandel lässt Baumgrenzen in den Bergen meist höher steigen – so die gängige Annahme. Denn Regionen, die einst zu kalt für Bäume waren, werden nun wärmer und damit lebensfreundlicher für Waldvegetation. Doch eine aktuelle Studie, veröffentlicht im International Journal of Applied Earth Observation and Geoinformation, zeichnet ein differenzierteres Bild: Zwischen 2000 und 2020 verschoben sich zwar 42 % der Baumgrenzen nach oben, doch bei 25 % der Grenzen wanderte die Waldgrenze sogar bergab.

Globale Daten zeigen komplexe Muster

Sabine Rumpf, Ökologin an der Universität Basel und Hauptautorin der Studie, erklärt, dass viele bisherige Untersuchungen zu Baumgrenzen auf begrenzte geografische Regionen beschränkt sind. Ein Großteil der Forschung konzentriert sich auf Nordamerika, Europa und den Himalaya – Gebiete, in denen Feldstudien leichter durchführbar sind. „Doch das bedeutet auch, dass große Teile unseres Planeten kaum erforscht sind“, so Rumpf. Um diese Lücke zu schließen, nutzte das Team Satellitendaten mit einer Auflösung von 250 Metern, um ein globales Bild zu erstellen.

Wie definiert man eine Baumgrenze?

Die Forscher definierten die beobachtete Baumgrenze als die obere Grenze von Bäumen, die mindestens drei Meter hoch sind. Anschließend berechneten sie mithilfe eines Modells die potenzielle Baumgrenze – also dort, wo Bäume unter idealen Bedingungen wachsen könnten. Berücksichtigt wurden dabei die Länge der Wachstumsperiode und die durchschnittliche Temperatur während dieser Zeit. Nur wenn eine Region mindestens 94 Tage Wachstumszeit und eine Durchschnittstemperatur von 6,4 °C oder mehr aufweist, gilt sie als potenziell baumfähig.

Warum wandern Baumgrenzen bergab?

Die Studie zeigt, dass nicht nur steigende Temperaturen die Wanderung der Baumgrenzen beeinflussen. Andere Faktoren wie Veränderungen in Niederschlagsmustern, Windverhältnissen oder menschliche Eingriffe spielen eine entscheidende Rolle. In einigen Regionen führen längere Trockenphasen oder häufigere Waldbrände dazu, dass Bäume in tieferen Lagen besser gedeihen als in höheren, exponierteren Gebieten.

Ein Beispiel ist der Schweizerische Nationalpark im Kanton Graubünden, wo die Baumgrenze zwar sichtbar ist, aber nicht überall gleichmäßig nach oben wandert. Ähnliche Beobachtungen gibt es in den Rocky Mountains: Während einige Baumgrenzen in Kanada und den USA steigen, zeigen andere eine rückläufige Tendenz.

Satellitendaten als Schlüssel zum globalen Verständnis

Die Nutzung von Fernerkundungsdaten ermöglichte es den Forschern, erstmals eine weltweite Analyse durchzuführen. Regionen mit weniger als 10 % Hochgebirgsvegetation oder mehr als 95 % Baumbedeckung wurden ausgeschlossen, um klare Ergebnisse zu erhalten. „Ohne diese Technologie hätten wir ein unvollständiges Bild der globalen Baumgrenzen“, betont Rumpf.

Die Ergebnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, lokale und regionale Besonderheiten in Klimamodelle einzubeziehen. Während die globale Erwärmung in vielen Gebieten zu einer Ausdehnung der Wälder führt, zeigen andere Regionen gegenteilige Effekte – ein Zeichen dafür, dass die Auswirkungen des Klimawandels komplexer und vielfältiger sind als bisher angenommen.