Neue internationale Forschungsergebnisse unter der Leitung der National Taiwan University in Zusammenarbeit mit der University of South Florida Health deuten darauf hin, dass herkömmliche Grippeimpfstoffe möglicherweise einen Schutz vor der Vogelgrippe (H5N1) bieten könnten. Angesichts der globalen Ausbreitung des potenziell tödlichen Virus, das von Vögeln auf Säugetiere und in seltenen Fällen auf Menschen übergeht, stehen Wissenschaftler vor einer Herausforderung: Sollte eine menschliche Pandemie entstehen, könnten Impfstoffe, die speziell gegen H5N1 entwickelt wurden, möglicherweise nicht rechtzeitig verfügbar sein.

Die Studie, veröffentlicht in Emerging Microbes & Infections, zeigt, dass saisonale Grippeimpfstoffe, die routinemäßig weltweit eingesetzt werden, das Risiko tödlicher Verläufe bei einer H5N1-Infektion deutlich senken könnten. Die Ergebnisse basieren auf einer systematischen Auswertung und Analyse von Studien an Frettchen – einem anerkannten Tiermodell für menschliche Influenza.

Das taiwanisch-amerikanische Forschungsteam untersuchte fast zwei Jahrzehnte experimenteller Daten aus 35 kontrollierten Studien mit fast 1.800 Frettchen. Dabei stellte sich heraus, dass saisonale Grippeimpfstoffe, die den spezifischen Bestandteil Neuraminidase N1 enthielten, die durch H5N1 verursachte Sterblichkeit um etwa 73% reduzierten im Vergleich zu ungeimpften Tieren. Dieser Schutz war vergleichbar mit einigen H5N1-spezifischen Impfstoffen, die keine starke Immunantwort auslösten, und nur geringfügig niedriger als bei Impfstoffen mit hoher Wirksamkeit.

Im Gegensatz dazu zeigten saisonale Impfstoffe ohne die N1-Komponente kaum oder gar keinen Schutz – ein Hinweis darauf, dass bestimmte Bestandteile bestehender Impfstoffe eine überragende Rolle bei der Abwehr neuer Bedrohungen spielen könnten.

„Diese Arbeit legt nahe, dass wir den breiteren Schutz durch saisonale Grippeimpfstoffe möglicherweise unterschätzen.“

Chi-Tai Fang, Professor für Epidemiologie von Infektionskrankheiten an der National Taiwan University und Seniorautor der Studie

Fang erklärt weiter: „Obwohl diese Impfstoffe nicht speziell gegen H5N1 entwickelt wurden, scheinen bestimmte Komponenten Immunreaktionen auszulösen, die den Schweregrad einer Infektion verringern können. In der Praxis könnte dieser partielle Schutz Menschenleben retten, während spezifischere Impfstoffe entwickelt und verteilt werden.“

Sten Vermund, Dekan der USF Health College of Public Health und Mitautor der Studie, betont die Bedeutung der Ergebnisse für die Pandemievorbereitung: „In einer Pandemie kommt es auf jede Minute an. Es gibt oft eine kritische Lücke zwischen dem Auftreten eines neuen Virus und der Verfügbarkeit eines gezielten Impfstoffs. Unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass die saisonale Grippeimpfung – etwas, das bereits weit verbreitet ist – dazu beitragen könnte, schwere Krankheitsverläufe in dieser Phase zu reduzieren. Das ist ein entscheidender Vorteil, wenn jede Woche zählt.“

Die Studie brachte zudem eine überraschende Erkenntnis zutage: Die saisonalen Impfstoffe erzeugten in Standardtests keine nachweisbaren Antikörper gegen H5N1. Der Schutz scheint stattdessen auf komplexeren Immunmechanismen zu beruhen, die wahrscheinlich kreuzreaktive zelluläre Reaktionen umfassen. Diese werden durch herkömmliche Immunitätsmessungen nicht erfasst, was darauf hindeutet, dass ein Schutz bestehen könnte, selbst wenn er nicht nachweisbar ist.