Die langjährige Doktrin, Bitcoin niemals zu verkaufen, verliert bei Unternehmen mit großen Krypto-Beständen an Bedeutung. Stattdessen setzen Firmen wie MicroStrategy und Sequans Communications zunehmend auf strategische Verkäufe, um finanzielle Engpässe zu überwinden oder Schulden zu reduzieren.

MicroStrategy: Bitcoin-Verkäufe als Finanzierungsinstrument

Auf der Earnings Call am 5. Mai räumte MicroStrategy-CEO Phong Le ein, dass das Unternehmen Bitcoin verkaufen werde, „wenn es für das Unternehmen vorteilhaft ist“. Co-Gründer Michael Saylor ergänzte, dass man „wahrscheinlich einige Bitcoin verkaufen werde, um eine Dividende zu finanzieren und den Markt zu stabilisieren“.

Mit einem Bestand von 818.334 BTC (Stand: 3. Mai) und einem Marktwert von rund 64,14 Milliarden US-Dollar – ein Plus von 22 % seit Jahresbeginn – steht MicroStrategy vor einer strategischen Neuausrichtung. Die Unternehmensführung begründet dies mit einer quantitativen Analyse: Unterhalb einer mNAV-Ratio von 1,22 sei der Verkauf von Bitcoin und die Ausschüttung von Dividenden profitabler als die Ausgabe neuer Aktien.

Saylor argumentiert, dass selbst bei einer jährlichen Bitcoin-Rendite von nur 2,3 % die aktuellen Reserven ausreichen würden, um „für immer“ Dividenden zu zahlen. Bei einer stagnierenden Bitcoin-Preisentwicklung könnten die Bestände immerhin noch 43 Jahre lang Dividenden finanzieren. Damit wird aus der einstigen „Never sell“-Mentalität ein flexibles Finanzmodell, das Verkäufe als Teil einer aktiven Treasury-Strategie betrachtet.

Von der „HODL“-Philosophie zur operativen Liquidität

Investoren hatten Unternehmen wie MicroStrategy ursprünglich als Bitcoin-Proxies betrachtet – als sichere Wertaufbewahrung mit langfristigem Potenzial. Doch die neuen Richtlinien zeigen eine komplexere Realität: Unternehmen kaufen Bitcoin, wenn es sinnvoll ist, geben Aktien aus, wenn es vorteilhaft ist, und verkaufen Bitcoin, wenn es die Finanzlage erfordert. Die 1,22-fache mNAV-Schwelle und die 2,3 %-Break-even-Quote sind nun die neuen Benchmarks für diese Strategie.

Sequans Communications: Bitcoin als Schuldenbremse

Ein anderes Beispiel ist Sequans Communications, das im ersten Quartal 2026 einen Umsatzrückgang von 24,8 % auf 6,1 Millionen US-Dollar verzeichnete und einen operativen Verlust von 50,5 Millionen US-Dollar verbuchte. Gleichzeitig realisierte das Unternehmen 11,7 Millionen US-Dollar an Verlusten durch Bitcoin-Verkäufe, deren Erlöse vor allem zur Tilgung von Wandelschulden und einem Aktienrückkaufprogramm genutzt wurden.

Per 31. März hielt Sequans noch 1.514 BTC, von denen 1.217 BTC als Sicherheit für 66,2 Millionen US-Dollar an Wandelschulden dienten. Bis zum 30. April reduzierte sich der Bestand auf 1.114 BTC, wobei 817 BTC weiterhin als Kreditsicherheit für 35,9 Millionen US-Dollar an fälligen Schulden bis Juni 2026 hinterlegt sind.

Dieses Vorgehen folgt einem Muster, das bereits im November 2025 zu beobachten war: Damals verkaufte Sequans 970 BTC, um 50 % seiner Wandelschulden in Höhe von 189 Millionen US-Dollar zu tilgen und die Restschuld auf 94,5 Millionen US-Dollar zu reduzieren. Bitcoin wird hier zur operativen Liquidität, wenn Umsätze sinken und Schulden fällig werden. Die verpfändete Kreditsicherheit verpflichtet das Unternehmen, Bitcoin als Sicherheit zu nutzen, bevor über Verkäufe entschieden wird.

MARA: Großflächige Bitcoin-Verkäufe zur Schuldenreduzierung

Auch MARA (Marathon Digital Holdings) setzte im März 2026 auf massive Bitcoin-Verkäufe: Das Unternehmen veräußerte 15.133 BTC im Wert von rund 1,1 Milliarden US-Dollar. Die Erlöse dienten zur Rückzahlung von Wandelschulden und reduzierten die ausstehenden Verbindlichkeiten um etwa 30 %. Zudem erzielte MARA einen Buchgewinn von 88,1 Millionen US-Dollar durch die Transaktion.

Die Unternehmensführung präsentierte den Schritt als strategische Maßnahme zur Stärkung der Bilanz und zur Senkung der Finanzierungskosten.

Fazit: Bitcoin-Treasuries werden zur Finanzierungsquelle

Die Beispiele zeigen einen klaren Trend: Unternehmen mit großen Bitcoin-Beständen nutzen diese zunehmend als flexible Finanzierungsquelle. Während die „Never sell“-Strategie einst als Zeichen von Stärke galt, wird sie nun durch eine pragmatischere Herangehensweise ersetzt. Verkäufe dienen nicht mehr nur der Gewinnmitnahme, sondern der Schuldenreduzierung, Dividendenfinanzierung oder Liquiditätssicherung.

Für Investoren bedeutet dies eine höhere Volatilität und eine stärkere Abhängigkeit von der Bitcoin-Preisperformance. Gleichzeitig wird deutlich, dass Bitcoin-Treasuries nicht mehr nur als statische Wertaufbewahrung, sondern als dynamisches Finanzinstrument betrachtet werden.