Die Unabhängigkeitserklärung der USA war für die Delegierten des Kontinentalkongresses im Jahr 1776 weit mehr als ein philosophisches Manifest. Sie diente als dringend benötigtes administratives Dokument, das die am 2. Juli beschlossene Unabhängigkeit rechtlich absichern sollte. Gleichzeitig war sie ein strategisches Instrument, um internationale Anerkennung – insbesondere von Frankreich – zu gewinnen.
Doch sie war auch ein Bundesschluss, der sich auf den Schöpfer berief und ein Volk definierte, das es zu einen galt. Dieser Bund sollte Tyrannei abwehren und die traditionellen Rechte einer politischen Gemeinschaft bewahren. Seine Legitimität bezog er aus einer gerechten Sache: dem Widerstand gegen die Unterdrückung durch König Georg III. und das britische Parlament.
Als der Kongress Thomas Jeffersons Entwurf am 2. und 3. Juli überarbeitete, präzisierte er nicht nur dessen Argumentation, sondern betonte noch stärker die göttliche Grundlage der Erklärung. Diese fußte auf vier Säulen:
- Naturrechtstheorie: Rechte, die dem Menschen von Geburt an zustehen.
- Englisches Common Law: Traditionelle Freiheitsrechte der Engländer.
- Klassische Philosophie: Ideen von Freiheit und Gerechtigkeit aus der Antike.
- Jüdisch-christliche Theologie: Der Gedanke, dass alle Menschen vor Gott gleich sind.
Die Erklärung formulierte damit ein Konzept von Freiheit und Gleichheit, das für die gebildeten Männer des 18. Jahrhunderts verständlich war. Sie verteidigte die natürlichen Rechte des Menschen – „kraft seiner Natur“, wie es später der Politikwissenschaftler Harry Jaffa ausdrückte. Diese Rechte waren unveräußerlich und konnten weder einer Regierung noch einem König übertragen werden. Ein Dokument, das einen Monarchen anklagte und alle Menschen für gleich erklärte, war zugleich radikal und konservativ: Es bewahrte überkommene Freiheitsrechte, während es gleichzeitig eine neue politische Ordnung begründete.
Freiheit und Gleichheit: Ein komplexes Verhältnis
Während Freiheit als klares Prinzip galt, war Gleichheit ein vielschichtiger Begriff. Sie war kein Selbstzweck, sondern eine Voraussetzung für die Bewahrung der natürlichen Rechte – sowohl für den Einzelnen als auch für die Gemeinschaft. Doch die Gleichheit, wie sie in der Erklärung formuliert wurde, war begrenzt. Besonders deutlich wurde dies im Umgang mit der Sklaverei.
Jeffersons ursprünglicher Entwurf enthielt eine scharfe Verurteilung des Sklavenhandels, wenn auch nicht der Sklaverei selbst. Die moralische Empörung über den Menschenhandel war unter den Gründervätern weit verbreitet – selbst bei Sklavenhaltern wie George Mason. Dieser hatte bereits 1765 geschrieben, die Sklaverei sei die Ursache für den „Untergang“ der Römischen Republik, ein Übel, das „römische Historiker mit pathetischen Worten beschrieben“ hätten. Auch Jefferson selbst hatte in seiner Schrift Summary View of the Rights of British America (1774) betont, die Abschaffung der Sklaverei sei „das große Ziel“ in den Kolonien, in denen sie „leider bereits im frühen Stadium eingeführt“ worden sei.
Die Widersprüchlichkeit einer Gesellschaft, die ihre eigene Freiheit forderte, während sie gleichzeitig Menschen versklavte, war den Zeitgenossen bewusst. Kritiker aus den Reihen der Geistlichen und Intellektuellen hatten diesen Widerspruch immer wieder angeprangert. Die Erklärung der Unabhängigkeit war somit ein Dokument der Hoffnung – und gleichzeitig ein Spiegel der ungelösten Konflikte ihrer Zeit.