Ein sehr britischer Blick auf einen sehr amerikanischen Verbrecher: Jack Holden und Ed Stambollouian präsentieren mit ‚Kenrex‘ ein Ein-Mann-Stück über den berüchtigten Ken Rex McElroy, das nach mehreren erfolgreichen Läufen in London nun am Lucille Lortel Theatre in New York zu sehen ist.

Holden schlüpft in über 20 Rollen – vielleicht sogar mehr – und begleitet sich selbst musikalisch auf der Bühne. Doch während John Patrick Elliott mit seiner Gitarre eher zurückhaltend bleibt, übernimmt Holden die typisch amerikanische Country-Sprache mit einer Hingabe, die an Loretta Lynn erinnert. McElroy, der in den 1980er-Jahren die Kleinstadt Skidmore, Missouri, terrorisierte, bis die Bewohner ihn schließlich 1981 erschossen, wird von Holden als furchteinflößende Figur porträtiert. Der Mord blieb ungeklärt.

Die Handlung beginnt mit dem Staatsanwalt aus Kansas City, der versuchte, McElroy endlich hinter Gitter zu bringen. Im Gegensatz zu den Einwohnern Skidmores, die alle wie aus einem Country-Song klingen, spricht der Anwalt ohne diesen Twang – ein Detail, das die kulturelle Kluft zwischen Stadt und Land unterstreicht. Während die britische Perspektive diese Art zu sprechen vielleicht als charmant empfindet, wirkt sie auf einen Zuschauer aus Iowa eher anstrengend.

Doch was Holden hier abliefert, ist eine authentische Darstellung eines gesetzlosen Amerikas: Die Behörden konnten McElroy nicht stoppen, also nahmen die Bürger das Recht selbst in die Hand. Eine Rückkehr zum Wilden Westen? Vielleicht. In der zivilisierten Welt New Yorks erinnert ‚Kenrex‘ an klassische Ein-Mann-Stücke wie ‚The Belle of Amherst‘ mit Julie Harris oder ‚Tru‘ mit Robert Morse – Produktionen, die vor Jahrzehnten noch über zwei Stunden dauerten und eine Pause hatten. Heute sind 90 Minuten die Norm.

Ein physisch anspruchsvolles Spektakel

Holden muss nicht nur Dutzende Charaktere verkörpern, sondern auch Bühnenrequisiten wie eine sich verfärbende Tür, eine rollbare Treppe und mehrere stehende Mikrofone bewegen (Bühnenbild: Anisha Fields). Die Inszenierung von Stambollouian ist dabei so opulent wie effektiv. Besonders gruselig wirken die Truck-Schlagzeilen (Lichtdesign: Joshua Pharo), die Gewaltszenen durch trockene Eisnebel erhellen.

Holdens Leistung ist beeindruckend – fast unglaublich, dass er diese Tour de Force ohne Erschöpfung durchsteht. Vergleichbar ist dies mit Andrew Scotts ‚Vanya‘ oder Sarah Snooks ‚The Picture of Dorian Gray‘: Ein-Mann-Stücke sind nicht nur für die Darsteller, sondern auch für das Publikum eine körperliche und mentale Herausforderung. Die Übergänge zwischen den Charakteren wirken manchmal etwas konstruiert, doch wer solche Stücke liebt, wird ‚Kenrex‘ zu schätzen wissen.

Die Olivier Awards in London sahen das offenbar ähnlich: Holden wurde 2026 als bester Schauspieler ausgezeichnet – vor Konkurrenten wie Bryan Cranston in ‚All My Sons‘ oder Sean Hayes in ‚Good Night, Oscar‘. Am Ende überzeugt ‚Kenrex‘ vor allem durch Holdens furchteinflößende Darstellung des Titelcharakters. Ein starkes, wenn auch anstrengendes Theatererlebnis.

Quelle: The Wrap