Hasan Piker ist ein Meister darin, während des Zockens politische Tiraden zu halten. In der Vergangenheit hätte man ihn als unterhaltsam, wenn auch anstrengend, abgetan. Heute jedoch hat er sich zu einer der einflussreichsten Stimmen der amerikanischen Linken entwickelt – ein gefragter Fürsprecher progressiver Kandidaten und gleichzeitig ein zentraler Streitpunkt in den innerparteilichen Debatten der Demokraten, insbesondere zu den Themen Israel und der Frage, wer in der politischen Arena eine Plattform erhalten sollte.
Pikers Aufstieg und seine umstrittenen Aussagen
Seit Wochen fordern moderate Demokraten, Piker wegen antisemitischer und hetzerischer Äußerungen zu meiden. Dazu gehören Sätze wie „Amerika hat sich 9/11 verdient“, „Hamas ist tausendmal besser als Israel“ oder die abwertende Bezeichnung ultraorthodoxer Juden als „inzüchtig“. Doch diese Forderung findet kaum Gehör. Stattdessen wird Piker weiterhin von prominenten Vertretern des linken Spektrums verteidigt: Der Kolumnist Ezra Klein widersprach den Antisemitismus-Vorwürfen, das Podcast-Format „Pod Save America“ lud ihn ein, und selbst pro-israelische Politiker wie Rahm Emanuel und Gavin Newsom signalisierten Bereitschaft, in Pikers Livestreams aufzutauchen.
Aus rein strategischer Sicht ist das nachvollziehbar. Pikers Publikum ist groß und besteht aus Menschen, die zumindest teilweise die Ziele der Demokratischen Partei teilen. Doch die Frage nach der Qualität seiner politischen Haltung ist eine andere – und sie geht weit über die Debatte um legitime Anti-Zionismus-Kritik hinaus.
Doppelmoral und moralische Blindstellen
Viele auf der Linken sehen in Piker einen mutigen Kritiker der „Unterdrückung der Palästinenser durch Israel, des US-Imperialismus und der demokratischen Elite, die beide unterstützt“. Seine harten Worte gegen Israel und den Westen werden als Beleg für seine unerschütterliche Haltung für Gleichberechtigung gewertet – trotz seiner später zurückgenommenen, aber dennoch getätigten abwertenden Kommentare über orthodoxe Juden und die Anschläge vom 11. September.
Doch diese Darstellung greift zu kurz. Denn Piker begeht ähnliche moralische Fehler wie die von ihm kritisierten „Jingoisten“ in Washington. Ob zu chinesischem Kommunismus, russischem Imperialismus oder islamistischem Terrorismus – Pikers Kommentare sind oft genauso ethisch fragwürdig wie das, was er anprangert: Während die einen die Verbrechen der USA und Israels verharmlosen, tut er es bei deren Gegnern.
„Campismus“: Eine gefährliche Ideologie
Sein Weltbild lässt sich am besten als „Campismus“ beschreiben: eine Spielart des Linksextremismus, die ausländische Bewegungen und Regime nicht nach ihren progressiven Werten beurteilt, sondern danach, wie sehr sie dem Westen feindlich gegenüberstehen. Diese Art von Tribalismus ist giftig – egal, ob sie von Rechten oder Linken vertreten wird.
„Piker mag es verdienen, gehört zu werden. Doch sein Weltbild verdient keine Bewunderung – schon gar nicht von vernünftigen Menschen.“
Die Gefahr für die progressive Bewegung
Eine Linke, die solche Doppelstandards toleriert, riskiert, ihre eigene moralische Glaubwürdigkeit zu untergraben. Progressive Bewegungen weltweit stehen für Menschenrechte, Demokratie und internationale Solidarität. Wenn sie jedoch Verbrechen ignorieren oder relativieren, nur weil sie von „Feinden des Westens“ begangen werden, verlieren sie jede Legitimität. Pikers Popularität zeigt, wie schnell moralische Klarheit in ideologische Verblendung kippen kann – und warum eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Rhetorik unverzichtbar ist.