Bereits vor seinem Kinostart war klar, dass der Film Michael über Michael Jackson für Diskussionen sorgen würde. Nicht nur, weil sein Protagonist bis zu seinem Tod eine umstrittene Figur blieb, sondern auch, weil der Film bewusst auf die Darstellung von Vorwürfen gegen Jackson verzichtet. Wie viele Musik-Biopics setzt er stattdessen auf eingängige Hits und nostalgische Momente – auf Kosten klassischer Filmstandards.
Der Graben zwischen Kritikern und Fans wird deutlich: Auf Rotten Tomatoes erreicht der Film gerade einmal 38 % bei den Kritikern, während 97 % der Zuschauer ihn positiv bewerten. Doch damit nicht genug: Berichte zeigen, dass einige Kinobesucher die Jackson-Hits nicht nur hören, sondern laut mitsingen und sogar im Kinosaal tanzen. Ein Verhalten, das normalerweise nicht zum klassischen Kinoerlebnis gehört – doch vielleicht sollte es das.
Filme wie Michael oder Konzertfilme wie Taylor Swift: The Eras Tour und Billie Eilish: Hit Me Hard and Soft: The Tour Live in 3D stellen die Frage: Wie streng sollten die Regeln im Kino eigentlich sein?
Was ist noch erlaubt – und was nicht?
Grundsätzlich herrscht Einigkeit: Während einer Filmvorführung sollte das Publikum ruhig sein und andere nicht stören. Doch die Realität sieht oft anders aus. Fast jede Kinovorführung hat mindestens einen Gast, der gegen diese ungeschriebenen Regeln verstößt – sei es durch laute Gespräche, das Nutzen des Handys oder das Besetzen falscher Plätze. Doch wo genau liegt die Grenze?
- Handybenutzung: Ist es vertretbar, während der Werbung oder Trailer auf das Smartphone zu schauen?
- Verspätetes Erscheinen: Darf man im Dunkeln mit dem Handylicht nach seinem Platz suchen?
- Störungen beim Verlassen: Ist es störender, sich über andere hinweg zum Ausgang zu quetschen, um eine kurze Nachricht an die Babysitterin zu schreiben – oder einfach vom Sitz aus zu tippen?
Die Antworten darauf sind oft subjektiv. Denn das Kino war noch nie ein reiner Rückzugsort. Schon in der Stummfilmära war das Publikum aktiv beteiligt. Regisseure wie Georges Méliès nutzten Filme wie Zaubertricks, während Mack Sennett mit Slapstick und burlesken Szenen das Publikum direkt einband. Selbst Buster Keaton brach 1924 in Sherlock, Jr. die vierte Wand, indem sein Protagonist aus dem Publikum auf die Leinwand sprang.
Vom Nickelodeon zum Multiplex: Wie sich das Kino verändert hat
Auch als Filme wie The Birth of a Nation von D. W. Griffith den Weg vom Nickelodeon zum prunkvollen Kino-Palast ebneten, gab es keine festen Regeln. Damals bestand ein Kinoprogramm oft aus Hauptfilm, Beiprogramm und Fortsetzungsgeschichten – ein mehrstündiges Event, bei dem das Publikum weniger streng kontrolliert wurde. Heute, in einer Zeit, in der Konzerte direkt ins Kino übertragen werden, verschwimmen die Grenzen zwischen Zuschauer und Darsteller weiter.
Vielleicht ist es an der Zeit, die strengen Kinonormen zu überdenken. Wenn Filme wie Michael das Publikum zum Mitsingen und Mittanzen animieren, könnte das ein Zeichen dafür sein, dass das Kino wieder mehr zum Erlebnis werden darf – statt nur zum passiven Konsum.