Meeresspiegel und Landsenkung: Neue Daten zeigen dramatischere Risiken

Zwei aktuelle Studien zeichnen ein alarmierendes Bild der Bedrohung durch den steigenden Meeresspiegel und die absinkenden Küstengebiete. Die Ergebnisse widerlegen bisherige Prognosen und unterstreichen die akute Gefahr für Millionen Menschen in Küstenmetropolen weltweit.

Unterschätzte Meeresspiegel und falsche Grundlagen

Eine bahnbrechende Analyse niederländischer Forscher zeigt, dass der aktuelle Meeresspiegel im globalen Durchschnitt fast 30 Zentimeter höher liegt als bisher in wissenschaftlichen Modellen angenommen. Diese Modelle basierten auf idealisierten Annahmen wie ruhigen Meeresbedingungen und vernachlässigten Strömungen sowie Windeinflüssen.

Frida Garza, Katharina Seeger und Philip Minderhoud von der Wageningen University Research analysierten Daten von 385 Pegelmessstationen weltweit. Ihr Fazit: In vielen Regionen weichen die tatsächlichen Werte um bis zu über einen Meter von den bisherigen Schätzungen ab – und zwar fast immer nach unten. Das bedeutet, dass bereits heute 80 Millionen Menschen in Küstengebieten unterhalb des Meeresspiegels leben – fast doppelt so viele wie bisher angenommen.

Schnellere Landsenkung verschärft die Gefahr

Parallel dazu zeigt eine zweite Studie, dass Küstengebiete weltweit deutlich schneller absinken als der Meeresspiegel steigt. Besonders betroffen sind Flussdeltas, in denen Grundwasserentnahme und Sedimentverlust den Boden destabilisieren. Robert Nicholls, Klimaforscher an der University of East Anglia, erklärt:

„Bisher gab es nur unvollständige und inkonsistente Daten zu dieser Entwicklung. Jetzt haben wir erstmals eine einheitliche Datengrundlage, die zeigt, wie dramatisch die Situation ist.“

Frühere Überschwemmungen als prognostiziert

Die neuen Erkenntnisse haben weitreichende Konsequenzen für die Planung von Küstenschutzmaßnahmen. Bisherige Hochwasserrisikomodelle könnten um Jahrzehnte danebenliegen. Das bedeutet, dass viele Küstenregionen früher von Überschwemmungen betroffen sein könnten als bisher angenommen. Besonders gefährdet sind Städte in Entwicklungsländern, die oft auf veraltete Daten angewiesen sind.

Matt Palmer vom britischen Met Office warnt:

„Die Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs unter dem Klimawandel wurden systematisch unterschätzt. Wir könnten verheerende Folgen deutlich früher erleben als vorhergesagt – insbesondere im Globalen Süden.“

Franck Ghomsi, Ozeanograph an der University of Cape Town, ergänzt:

„Zusammen zeigen diese Studien ein weitaus besorgniserregenderes Bild als jede für sich allein. Die Forschung schreibt die Geschichte der Küstengefährdung neu.“

Handlungsdruck für Politik und Wissenschaft

Die neuen Daten unterstreichen die Dringlichkeit, Küstenschutzmaßnahmen zu überdenken und zu beschleunigen. Organisationen wie die Weltbank, die bisher auf wissenschaftliche Risikobewertungen angewiesen sind, müssen ihre Planungen an die neuen Erkenntnisse anpassen. Besonders betroffen sind Megastädte wie Jakarta, Mumbai oder Miami, die bereits heute mit Landabsenkungen und steigenden Pegeln kämpfen.

Die Forscher betonen, dass die Kombination aus höherem Meeresspiegel und schneller absinkenden Küsten die Bedrohung für die Bevölkerung massiv erhöht. Ohne schnelle und gezielte Maßnahmen könnten ganze Regionen unbewohnbar werden.

Quelle: Grist