Eine umfassende Metaanalyse widerlegt den Mythos, dass die Einnahme von Antidepressiva während der Schwangerschaft das Risiko für neurodevelopmentale Störungen wie Autismus oder ADHS beim Kind erhöht. Die Studie, veröffentlicht im Lancet Psychiatry, analysierte Daten von über 648.000 Schwangerschaften mit Antidepressiva-Exposition und rund 25 Millionen ohne.

Forscher der Universität Hongkong und internationaler Institutionen untersuchten mögliche Zusammenhänge zwischen der Einnahme von Antidepressiva – insbesondere SSRIs (selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) – und der Entwicklung von ADHD oder Autismus-Spektrum-Störungen (ASD) beim Nachwuchs. Das Ergebnis: Es gibt keinen kausalen Zusammenhang.

Genetische und umweltbedingte Faktoren dominieren

Die Studie berücksichtigte zahlreiche Störfaktoren wie mütterliche psychische Erkrankungen, familiäre Veranlagung und unterschiedliche Messmethoden der Medikamenteneinnahme. Selbst der Einfluss väterlicher Antidepressiva-Nutzung wurde analysiert. Die beobachteten minimalen Risikoerhöhungen für ADHD oder Autismus verschwanden, sobald diese Faktoren kontrolliert wurden.

Laut der American Psychological Association leiden etwa 10 % der Schwangeren unter Depressionen. Unbehandelte Depressionen bergen jedoch erhebliche Risiken für Mutter und Kind, darunter Frühgeburten, niedriges Geburtsgewicht oder postpartale Depressionen. Antidepressiva bleiben daher eine wichtige Therapieoption.

Kritik an pauschalen Warnungen

Trotz etablierter Sicherheitsprofile geraten Antidepressiva zunehmend in die Kritik – etwa durch den ehemaligen US-Gesundheitsminister Robert F. Kennedy Jr., der SSRIs pauschal ablehnt. Die neue Studie liefert nun wissenschaftlich fundierte Argumente gegen solche pauschalen Warnungen und könnte helfen, Fehlinformationen zu korrigieren.

Methodik der Studie

Die Forscher durchsuchten medizinische Datenbanken nach relevanten Studien und identifizierten 37 hochwertige Untersuchungen. Insgesamt flossen Daten von fast 2.000 Studien in die Vorauswahl ein. Die finale Analyse umfasste:

  • 648.000 Schwangerschaften mit Antidepressiva-Exposition
  • 25 Millionen Schwangerschaften ohne Exposition
  • Berücksichtigung verschiedener Antidepressiva-Typen, Dosierungen und Einnahmezeitpunkte
  • Kontrolle von Confoundern wie mütterlicher psychischer Gesundheit und genetischer Prädisposition

Die Studie wurde vorab im PROSPERO-Register für systematische Reviews dokumentiert, um Transparenz und Reproduzierbarkeit zu gewährleisten.

Fazit: Nutzen-Risiko-Abwägung bleibt entscheidend

Die Ergebnisse unterstreichen, dass die Entscheidung für oder gegen Antidepressiva während der Schwangerschaft individuell getroffen werden muss. Wissenschaftliche Evidenz zeigt: Die Risiken unbehandelter Depressionen überwiegen oft die potenziellen Nebenwirkungen der Medikamente. Schwangere sollten sich daher eng mit ihrem Arzt oder ihrer Ärztin abstimmen, um eine fundierte Entscheidung zu treffen.

Quelle: Healthline