In den USA herrscht die klare Trennung von Kirche und Staat. Doch gilt diese Regel auch für den Arbeitsplatz? Die Frage stellt sich besonders für Menschen, die ihren Glauben nicht einfach an der Bürotür abgeben wollen. Eine Führungskraft, die selbst in einer Kirche aufgewachsen ist und einen Chor leitet, berichtet von wiederholten Aufforderungen, religiöse Bezüge aus der Arbeit auszuklammern: ‚Brauchen wir wirklich diesen Bibelvers in der Präsentation?‘ oder ‚Ist das religiöse Beispiel in der Vorlesung wirklich notwendig?‘ Die Botschaft ist meist höflich, aber unmissverständlich: Religiöse Themen haben am Arbeitsplatz nichts zu suchen, weil dieser als neutraler Raum gilt.
Die Widersprüche der modernen Arbeitswelt
Doch dieser Neutralitätsanspruch ist trügerisch. Die globale Arbeitswoche mit Wochenende und Feiertagen ist tief in jüdisch-christlichen Traditionen verwurzelt. Der Sonntag als Ruhetag, die Schließung von Unternehmen an Weihnachten oder der Halloween-Brauch – all das hat religiöse Wurzeln, die heute als selbstverständlich gelten. Selbst die Sprache der Wirtschaft ist voller religiöser Metaphern: Mission, Evangelist, Konvertierung oder Hingabe prägen den modernen Management-Diskurs. Wir verwenden diese Begriffe täglich, ohne sie als religiös zu erkennen.
Die Realität zeigt: Religiöse Vorstellungen durchdringen unseren Alltag – auch im Beruf. Sie wurden nur säkularisiert und damit unsichtbar gemacht. Doch warum akzeptieren wir diese Doppelmoral? Warum dürfen wir unsere Persönlichkeit mitbringen, aber nicht unseren Glauben?
Eine Stimme gegen die Heuchelei: Julie Wenah
Genau diese Widersprüche thematisiert Julie Wenah in einem aktuellen Gespräch. Die Vorsitzende der Digital Civil Rights Coalition ist nicht nur eine einflussreiche Technologie- und Politikexpertin, sondern auch eine Frau, die offen über ihren Glauben spricht. Als ehemalige Mitarbeiterin von Meta und Airbnb, ehemalige Beraterin im Weißen Haus unter Obama und ausgebildete Juristin an der Georgetown University hat sie in verschiedenen Welten Karriere gemacht. Daneben ist sie Filmemacherin, ausgebildete Tänzerin der Alvin Ailey Company und leitet einen Chor. Und ja, sie spricht offen darüber, was Gott ihr in der vergangenen Woche gesagt hat.
Wenah verkörpert, was viele für unmöglich halten: eine Führungskraft an der Spitze der Tech- und Politikbranche, deren Glaube kein Nebenprodukt, sondern ein zentraler Bestandteil ihres Lebens ist. Während Unternehmen betonen, Mitarbeiter sollten ihr ‚ganzes Ich‘ mitbringen, wird gleichzeitig unterstellt, dass der Glaube am Arbeitsplatz fehl am Platz sei. Doch genau das widerspricht dem Versprechen von Authentizität und Inklusion, das viele Arbeitgeber propagieren.
Das Album und die Mixtape-Metapher
Wenah schlägt eine einfache, aber kraftvolle Metapher vor, um diesen Widerspruch aufzulösen: die Unterscheidung zwischen Album und Mixtape.
- Das Album steht für die vertraglich vereinbarte Arbeit – die Aufgaben, die im Arbeitsvertrag stehen und für die man bezahlt wird. Es ist das, was das Unternehmen von einem erwartet.
- Das Mixtape hingegen umfasst alles andere: die persönlichen Projekte, Hobbys, Überzeugungen und Leidenschaften – von der Chorleitung über den Dokumentarfilm bis hin zum Glauben.
‚Das Album ist das, wofür dich das Unternehmen eingestellt hat. Das Mixtape ist das, was dich ausmacht.‘
Diese Unterscheidung zeigt: Ein Glaube muss nicht im Widerspruch zur beruflichen Rolle stehen. Er ist Teil dessen, wer wir sind – und genau das sollten Unternehmen anerkennen. Die Forderung, Religion am Arbeitsplatz zu verstecken, ist nicht nur unrealistisch, sondern auch heuchlerisch. Schließlich akzeptieren wir längst, dass Menschen ihre ganze Persönlichkeit einbringen – warum also nicht auch ihren Glauben?
Fazit: Authentizität statt Heuchelei
Die moderne Arbeitswelt verlangt von Mitarbeitern, ihr ‚ganzes Ich‘ einzubringen. Doch wenn es um den Glauben geht, wird plötzlich eine Ausnahme gemacht. Das ist nicht nur widersprüchlich, sondern auch schädlich für eine Kultur der Offenheit und des Vertrauens. Julie Wenahs Ansatz zeigt: Es geht nicht darum, den Glauben zur Schau zu stellen, sondern ihn als Teil der eigenen Identität zu akzeptieren – und damit auch die Identität der Mitarbeiter wertzuschätzen.
Vielleicht ist es an der Zeit, die alte Regel der Trennung von Kirche und Staat neu zu überdenken – zumindest, wenn es um den Arbeitsplatz geht. Denn wer wirklich ‚Bring Your Whole Self to Work‘ meint, sollte auch den Glauben nicht ausschließen.