Führung war noch nie so wenig linear wie heute. Besonders bei jungen Gründern zeigt sich ein klarer Wandel: Sie starten früher, bauen schneller und führen oft mehrere Unternehmen oder Projekte parallel. Mehr als die Hälfte der Gen Z hat ein Nebenprojekt. Unternehmerische Laufbahnen ähneln zunehmend einem Portfolio – und diese Generation geht noch weiter. Sie verbindet wirtschaftliche Ziele mit sozialem und ökologischem Impact. Fast ein Drittel der Gen Z interessiert sich dafür, in Non-Profit-Gremien mitzuwirken. Die Grenzen zwischen Unternehmensaufbau und gesellschaftlichem Engagement verschwimmen zusehends.
In meiner Arbeit mit Führungskräften aus verschiedenen Branchen erlebe ich diesen Wandel täglich. Es entsteht ein neues Führungsverständnis: Nicht die Zeit, sondern das Handeln definiert heute den Erfolg. Diese jungen Leader bauen nicht erst Glaubwürdigkeit auf, bevor sie führen – sie führen von Anfang an, oft auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Sophia Kianni ist eine von ihnen. Die 21-jährige Unternehmerin ist Mitgründerin von Phia, einer KI-Plattform für den Handelssektor, Co-Moderatorin des Business-Podcasts The Burnouts und Gründerin von Climate Cardinals, der weltweit größten klimapolitischen Jugendorganisation. Zudem war sie die jüngste Klimaberaterin der UN in der Geschichte der USA. Gemeinsam mit ihr beleuchten wir, was modernes Führen bedeutet – und warum die nächste Generation nicht auf Erfahrung wartet, sondern sie aktiv gestaltet.
„Man muss nicht warten, um zu führen“ – Warum Gen Z die Regeln neu schreibt
WALSH: Lange galt: Führung kommt mit der Zeit und Erfahrung. Doch das scheint sich zu ändern. Was beobachten Sie?
KIANNI: Es geht um zwei Dinge: Zugang und Erwartungen. Durch soziale Medien und KI ist es heute einfacher denn je, etwas aufzubauen, direktes Feedback zu erhalten und schnell zu lernen. Wer jung, motiviert und handlungsorientiert ist, kann Expertise in kürzester Zeit erwerben und wertvolle Erfahrungen sammeln – bevor traditionelle Karrierewege das ermöglichen würden. Gleichzeitig weiß ich: Manche Lektionen lernt man erst durch Fehler über Jahre hinweg. Deshalb ist ein starkes Netzwerk entscheidend. Wachstum braucht Initiative und Menschen, die einem Perspektiven geben und den Weg ebnen.
WALSH: Das klassische Modell war linear: Man sammelte Glaubwürdigkeit in einer Organisation, stieg Schritt für Schritt auf. Heute sehen wir dynamischere Wege. Das schafft Chancen, stellt aber auch bestehende Systeme vor Herausforderungen. Viele Institutionen sind nicht darauf ausgelegt, Leader zu fördern, die parallel in verschiedenen Bereichen aktiv sind. Warum wird der Portfolio-Ansatz immer beliebter?
KIANNI: Weil er heute machbar ist. Mit minimalen Ressourcen kann man etwas starten, direkt Menschen erreichen und schnell reagieren, wenn etwas nicht funktioniert. Statt alles auf eine Idee zu setzen, testet man mehrere Ansätze gleichzeitig. Manche wachsen, andere scheitern – und aus allem lernt man. Oft verstärken sich diese Projekte sogar gegenseitig: Medienplattformen werden für Tech-Unternehmen wertvoll, Gründer bauen Ökosysteme, in denen verschiedene Vorhaben durch Zielgruppen, Reichweite und Vertrauen profitieren. Sobald sich ein Projekt als erfolgreich erweist, wird es zur Hauptaufgabe. Aber der Weg dorthin ist flexibel und experimentell.
Mehr als Business: Wie Gen Z Impact und Karriere verbindet
Die junge Generation fordert nicht nur schnelle Erfolge, sondern auch Sinnhaftigkeit. Laut Studien integrieren über 40 % der Gen Z soziale oder ökologische Ziele in ihre Geschäftsmodelle. Sie sehen Unternehmen nicht mehr als reine Profitmaschinen, sondern als Hebel für Veränderung. Climate Cardinals, Kiannis eigene Initiative, zeigt, wie das funktioniert: Aus einer kleinen Gruppe engagierter Jugendlicher wurde innerhalb weniger Jahre die größte klimapolitische Jugendorganisation weltweit – mit über 8.000 Freiwilligen in mehr als 40 Ländern.
Doch dieser Ansatz bringt auch Konflikte mit sich. Viele traditionelle Investoren oder Arbeitgeber verstehen nicht, warum jemand gleichzeitig ein Tech-Startup leitet, einen Podcast moderiert und eine NGO führt. „Sie fragen sich: Wo ist dein Fokus?“, sagt Kianni. „Aber für uns ist es kein Widerspruch – es ist Synergie.“ Die Fähigkeiten aus einem Bereich fließen in den anderen: Moderationserfahrung hilft beim Pitching, Netzwerke aus dem Non-Profit-Bereich öffnen Türen für Partnerschaften, und unternehmerisches Denken beschleunigt die Skalierung von Projekten mit sozialem Impact.
Die größten Herausforderungen für junge Leader
- Zeitmanagement: Parallel laufende Projekte erfordern klare Priorisierung. Wer zu viel gleichzeitig angeht, riskiert, in keinem Bereich wirklich voranzukommen.
- Glaubwürdigkeit: Junge Gründer müssen oft mehr Beweise für ihre Kompetenz liefern als ältere Kollegen – besonders in konservativen Branchen.
- Systemische Hürden: Viele Strukturen (z. B. Förderprogramme, Investoren-Netzwerke) sind auf lineare Karrieren ausgelegt. Portfolio-Karrieren passen nicht immer ins Raster.
- Burnout-Risiko: Ständige Verfügbarkeit und der Druck, in mehreren Bereichen erfolgreich zu sein, führen bei vielen zu Überlastung.
Trotzdem überwiegen die Vorteile: „Man lernt schneller, scheitert früher und passt sich an – genau das, was die heutige Wirtschaft braucht“, so Kianni. Die Fähigkeit, in unsicheren Zeiten zu navigieren, wird zur Kernkompetenz.
Fazit: Die Zukunft gehört den Machern – nicht den Wartenden
Die Führung von morgen entsteht nicht durch jahrelange Vorbereitung, sondern durch mutiges Handeln. Junge Gründer wie Sophia Kianni zeigen, dass man nicht erst mit 40 „erwachsen genug“ sein muss, um Verantwortung zu übernehmen. Sie beweisen: Wer heute startet, kann die Regeln des Spiels mitgestalten – statt sie zu akzeptieren.
Für Unternehmen und Institutionen bedeutet das: Wer diese neuen Leader fördern will, muss flexible Strukturen schaffen. Wer junge Talente an sich binden möchte, sollte ihnen Raum für Experimente geben – und akzeptieren, dass Erfolg nicht immer linear verläuft. Die Gen Z wartet nicht auf ihre Chance. Sie ergreift sie – heute.