Im Jahr 2012 hatte ein Redakteur bei U.S. News & World Report eine Idee: Das Nachrichtenmagazin sollte einen YouTube-Kanal starten. Nicht als radikaler Wechsel zu Bewegtbild, sondern als Experiment auf einer aufstrebenden Plattform, auf der bereits einige Creator mit Nachrichteninhalten viral gingen. Die Vision: Journalisten sollten vor die Kamera treten, ihre Artikel erklären und über aktuelle Themen sprechen. Doch das Projekt scheiterte kläglich.
Ich selbst war damals einer der unglücklichen Protagonisten. Nervös, unsicher, mit einem schlechten Haarschnitt und – wie viele in Washington, D.C. damals und heute – völlig unmodisch gekleidet. Medienkompetenz? Fehlanzeige. Ich hatte nie zuvor vor einer Kamera gestanden, besaß kein Smartphone und war sozial unbeholfen. Meine Sprache war monoton, ich blinzelte ständig, zappelte mit den Händen, sagte ständig „ähm“ und stolperte über meine eigenen Worte. Kurz: Ich hatte keine Ahnung, was ich tat.
Wir produzierten eine Reihe von Videos mit Titeln wie „Kopfverletzungen im NFL: Studien sorgen weiterhin für Alarm“, „Verschiebt sich die Klimapolitik?“ oder „Welche Partei holt die ‚Internet-Wähler‘?“. Die Videos waren schlecht geschnitten, klangen seltsam und fanden kaum Zuschauer. Ich wollte diese Videos nicht drehen, aber es war eine redaktionsweite Initiative – also tat ich es trotzdem. Zum Glück, denn fast niemand hat sie sich angesehen. Sie waren so schlecht, dass sie selbst heute niemand im Internet anschauen würde.
Doch diese peinlichen Videos aus dem Jahr 2012 waren immer noch besser als das, was der Washington Post heute mit seiner neu gestalteten Meinungsabteilung produziert. Wie der Medien-Newsletter Status berichtet, hat die Zeitung kürzlich 80.000 Dollar in neue Audio- und Videotechnik investiert, um ihren Podcast „Make It Make Sense“ aufzuwerten. Zudem wurde ein Studio in den Redaktionsräumen umgebaut – sichtbar an einem katastrophalen Trailer mit dem Titel „Eine Nachrichtensendung, der Sie endlich vertrauen können“.
Hinter diesem teuren Vorhaben stecken der Meinungsredakteur Adam O’Neal und der Washington Post-Eigentümer Jeff Bezos. Ihr Ziel: Die Meinungsabteilung soll sich nach rechts orientieren und Inhalte fördern, die Milliardäre und freie Märkte unterstützen. Doch das Ergebnis ist ernüchternd. Ein Blick auf die ersten Videos wirkt wie eine Zeitreise zurück ins Jahr 2012 – oder in eine Welt, in der niemand je gelernt hat, wie man professionelle Videos produziert.
Die Videos wirken veraltet, schlecht produziert und völlig fehl am Platz. Sie erinnern mich schmerzhaft an meine eigenen peinlichen Versuche vor der Kamera. Doch das Schlimmste daran: Es scheint, als hätten die Verantwortlichen bei den großen Medienhäusern keinerlei Ahnung, was das Publikum wirklich sehen will.
Was läuft falsch bei Medienunternehmen?
Die Probleme des Washington Post sind kein Einzelfall. Viele traditionelle Medienhäuser scheitern daran, sich an die Anforderungen digitaler Inhalte anzupassen. Statt auf kreative, ansprechende Formate zu setzen, werden teure Studios gebaut und vermeintlich moderne Formate eingeführt – die dann doch nur wie Relikte aus einer anderen Zeit wirken.
Einige der typischen Fehler:
- Fehlende Medienkompetenz: Viele Journalisten haben keine Erfahrung vor der Kamera oder mit Videoproduktion. Medienkompetenz-Trainings wären hier der erste Schritt.
- Übertriebener Perfektionismus: Statt einfach loszulegen, wird monatelang an Technik und Design gefeilt – während das Publikum längst auf TikTok oder YouTube unterwegs ist.
- Falsche Zielgruppe: Videos, die wie aus den 1990ern wirken, sprechen keine jungen Zuschauer an. Wer heute erfolgreich sein will, muss die Sprache der sozialen Medien verstehen.
- Kein klares Konzept: Viele Medienhäuser experimentieren wild herum, ohne eine klare Strategie. Ein YouTube-Kanal braucht ein Konzept – nicht nur eine Kamera und ein Mikrofon.
Fazit: Geld allein macht keine guten Videos
Der Washington Post hat mit 80.000 Dollar in neue Technik investiert – doch das allein garantiert noch keine erfolgreichen Videos. Was fehlt, ist das Verständnis dafür, wie digitale Inhalte funktionieren. Statt teurer Studios und aufwendiger Produktion braucht es vor allem eines: Authentizität und Nähe zum Publikum.
Die Lektion aus dem Jahr 2012 und der heutigen Situation beim Washington Post ist klar: Medienhäuser müssen lernen, dass Erfolg nicht von der Höhe des Budgets abhängt, sondern davon, ob sie ihre Zielgruppe verstehen und Inhalte liefern, die wirklich ankommen.