Lauren leitete fast ein Jahrzehnt lang die Tierkontrolle in einem Landkreis im Norden Georgias. Ihr Job war kein 9-to-5-Job, sondern ein 24-Stunden-Einsatz, bei dem sie und ihr Team mit Tierquälerei, Vernachlässigung, Hundebissen und entlaufenen Tieren konfrontiert wurden. Rettung war ihre Berufung – doch die Realität des Alltags forderte ihren Tribut.

Wenn die Belastung unerträglich wird

Anfang 2024 erreichte die Situation einen Höhepunkt: Lauren und ihre Kollegen mussten 27 Jagdhunde aus einem Haus bergen, die bei eisigen Temperaturen ohne Schutz im Freien gehalten wurden. Der Besitzer züchtete die Hunde illegal und hatte trotz mehrfacher Aufforderungen keine Unterkünfte bereitgestellt. Die Behörden standen vor einer unmöglichen Wahl: Die Hunde dem Erfrierungstod überlassen oder sie ins bereits überfüllte Tierheim bringen – wo sie monatelang auf ein Gerichtsverfahren warten würden. Sie entschieden sich für die Rettung, doch der Preis war hoch: Um Platz zu schaffen, mussten Dutzende anderer Tiere eingeschläfert werden.

„Der Tierheimmitarbeiter muss über dem toten Tier stehen und entscheiden: Ist heute sein letzter Tag?“, sagt Lauren. „Und dieses Wissen trägt man für den Rest seines Lebens mit sich.“ (Lauren ist ein Pseudonym; sie bat um Anonymität, um offen über die traumatischen Erlebnisse sprechen zu können.)

Ein Job, der an der Seele zehrt

Nur wenige Tage später musste Lauren einen Einsatz koordinieren, bei dem zwei Hunde Menschen angegriffen hatten und von der Polizei erschossen wurden – ein Tier starb auf der Stelle, das andere kämpfte um sein Leben. Gleichzeitig wütete im Tierheim eine tödliche Seuche, und eine Mitarbeiterin verletzte sich schwer bei der Einfangung eines entlaufenen Tieres. „Wie soll ich das alles gleichzeitig mental und emotional verkraften?“, fragte sie sich. Wenig später kündigte Lauren.

Die psychischen Folgen für Tierheimmitarbeiter

Lauren ist kein Einzelfall. Studien seit den 1980er-Jahren belegen, dass Tierheimmitarbeiter einem hohen Risiko für Burnout, posttraumatische Belastungsstörungen (PTBS) und Depressionen ausgesetzt sind. Die Gründe:

  • Häufige Konfrontation mit Tierquälerei: Von vernachlässigten, unterernährten Tieren bis zu gezielten Misshandlungen – die Bilder prägen sich ein.
  • Euthanasie als tägliche Entscheidung: Mitarbeiter müssen regelmäßig Tiere einschläfern, oft aus Platzmangel oder weil keine Aussicht auf Vermittlung besteht.
  • Moralische Dilemmata: Soll ein Tier gerettet werden, wenn dadurch andere sterben müssen? Wie geht man mit unheilbar kranken Tieren um?
  • Geringe öffentliche Anerkennung: Während Tierheime Spenden sammeln, bleibt die psychische Belastung der Mitarbeiter unsichtbar.
  • Fehlende Unterstützung: Viele Arbeitgeber bieten keine Trauma-Beratung oder Supervision an.

Eine Studie der University of British Columbia aus dem Jahr 2020 zeigte, dass über 80 % der Tierheimmitarbeiter Anzeichen von PTBS aufwiesen. Die Dunkelziffer könnte noch höher liegen, da viele Betroffene aus Scham oder Angst vor Stigmatisierung schweigen.

Warum das Problem ignoriert wird

Trotz der alarmierenden Zahlen gibt es kaum öffentliche Debatten oder politische Initiativen zur Unterstützung dieser Berufsgruppe. Dabei spielt die Haustierkultur in den USA eine zentrale Rolle: Über 60 Millionen Haushalte besitzen mindestens ein Haustier, doch die Kehrseite – Überpopulation, illegale Zucht und mangelnde Verantwortung der Besitzer – wird selten thematisiert. Tierheime sind chronisch überlastet, und die Mitarbeiter tragen die Last allein.

„Wir retten Tiere, aber wer rettet uns?“
– Aussage einer langjährigen Tierheimmitarbeiterin, die anonym bleiben möchte

Was ändern könnte

Experten fordern dringend Maßnahmen, um die Situation zu verbessern:

  • Psychologische Unterstützung: Kostenlose Therapieangebote und Trauma-Beratung für Mitarbeiter.
  • Strengere Gesetze: Höhere Strafen für Tierquälerei und bessere Kontrollen von Zuchtbetrieben.
  • Mehr Personal: Tierheime brauchen mehr Mitarbeiter, um Überlastung zu vermeiden.
  • Aufklärung: Öffentlichkeitsarbeit, die die Arbeit von Tierheimmitarbeitern sichtbar macht und Spenden für psychologische Hilfe sammelt.
  • Forschung: Weitere Studien zu den langfristigen Folgen der Arbeit in Tierheimen.

Lauren arbeitet heute nicht mehr im Tierheim, doch die Erinnerungen bleiben. „Manche Nächte wache ich auf und höre die bellenden Hunde im Hintergrund.“ Ihr Appell an die Gesellschaft: „Hört auf, Tierheime nur als Orte der Rettung zu sehen – sie sind auch Orte des Leidens für diejenigen, die dort arbeiten.“

Quelle: Vox