Ein internationales Forscherteam hat die Identitäten von vier Mitgliedern der tragischen Franklin-Expedition von 1845 geklärt. Die Männer gehörten zu den 105 Seeleuten, die auf der Suche nach der legendären Nordwestpassage in der Arktis ihr Leben verloren. Ihre sterblichen Überreste wurden nach fast 180 Jahren mithilfe von DNA-Analysen und historischen Aufzeichnungen zweifelsfrei zugeordnet.

Die tragische Expedition und ihre Folgen

Die Franklin-Expedition unter der Leitung von Sir John Franklin sollte eine schiffbare Route durch die Arktis finden. Doch das Unternehmen endete in einer humanitären Katastrophe: Die Schiffe HMS Erebus und HMS Terror blieben im Packeis stecken, die Besatzung starb an Hunger, Kälte und Krankheiten. Berichte über Kannibalismus unter den verzweifelten Männern prägten die spätere Geschichtsschreibung.

Die Küste der Erebus-Bucht auf King William Island in Kanada wurde zum zentralen Fundort der Überreste. Hier hatten die letzten Überlebenden versucht, zu Fuß das kanadische Festland zu erreichen – ein verzweifelter Marsch, der für alle tödlich endete.

DNA-Analyse und forensische Rekonstruktion

Unter der Leitung von Douglas Stenton von der Universität Waterloo wurden DNA-Proben von vier Seeleuten analysiert und mit genetischem Material lebender Nachfahren abgeglichen. Dabei konnten die Überreste von William Orren (Matrose), David Young (Schiffsjunge), John Bridgens (Steward) und Harry Peglar (Bootsmann) identifiziert werden. Orren, Young und Bridgens dienten auf der HMS Erebus, während Peglar auf der HMS Terror stationiert war.

Besonders bemerkenswert ist die Rekonstruktion des Gesichts von David Young. Die forensische Künstlerin Diana Trepkov erstellte mithilfe von DNA-Daten ein 2D-Porträt des damals etwa 20-jährigen Schiffsjungen. Diese Rekonstruktion gibt den Opfern nun ein Gesicht und macht ihr Schicksal greifbarer.

Bereits in früheren Studien hatte das Team weitere Mitglieder der Expedition identifizieren können, darunter den Ingenieur John Gregory und den Kapitän der HMS Erebus, James Fitzjames. Fitzjames’ Überreste wiesen Spuren von Kannibalismus auf, was die grausamen Umstände des Untergangs unterstreicht.

Ein wissenschaftlicher Durchbruch mit menschlichem Antlitz

Die Identifizierung der vier Seeleute ist nicht nur ein wissenschaftlicher Erfolg, sondern auch eine Würdigung der menschlichen Schicksale hinter der historischen Tragödie. Die Forscher hoffen, dass ihre Arbeit weitere Erkenntnisse über die genauen Umstände des Untergangs liefern wird.

„Seit dem späten 19. Jahrhundert ist die Küste der Erebus-Bucht ein zentraler Ort für archäologische Untersuchungen der Franklin-Expedition. Die Funde hier sind Zeugnisse eines außergewöhnlichen und letztlich tragischen Ereignisses: der verzweifelten Flucht von 105 Überlebenden im Frühjahr 1848.“

— Douglas Stenton, Universität Waterloo

Hintergrund: Die Franklin-Expedition

  • Start: Mai 1845 mit den Schiffen HMS Erebus und HMS Terror
  • Ziel: Durchquerung der Nordwestpassage
  • Ende: Alle 129 Besatzungsmitglieder starben, die Schiffe blieben verschollen
  • Wiederentdeckung: HMS Erebus 2014, HMS Terror 2016
  • Forschungsprojekte: Seit den 1980er-Jahren laufen systematische Suchaktionen
Quelle: 404 Media