Kokain im Ökosystem: Lachs unter Drogeneinfluss
Lachs, der mit Kokain oder dessen Hauptabbauprodukt Benzoylecgonin belastet ist, schwimmt deutlich weiter und zeigt ein verändertes Verhalten. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die erstmals die Auswirkungen von Kokain auf Fische in freier Wildbahn untersucht hat – nicht im Labor.
Drogen im Wasser: Ein wachsendes Umweltproblem
Weltweit gelangen durch menschliche Ausscheidungen und Abwässer Spuren von legalen und illegalen Substanzen in Gewässer. Mit dem steigenden Kokainkonsum steigt auch die Belastung von Flüssen und Seen. Der Hauptmetabolit Benzoylecgonin wird dabei besonders häufig nachgewiesen. Atlantische Lachse, eine ökologisch und wirtschaftlich bedeutende Art, nehmen diese Substanzen auf und zeigen daraufhin auffällige Verhaltensänderungen.
Bisherige Forschung im Labor – jetzt erstmals in freier Wildbahn
Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass Kokain das Verhalten von Wassertieren im Labor beeinflusst. Doch wie sich die Substanz in der Natur auswirkt, war bisher unklar. Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung von Michael Bertram von der schwedischen Universität für Agrarwissenschaften hat nun erstmals nachgewiesen, dass Kokain und Benzoylecgonin das Gehirn von Atlantischen Lachsen belasten und deren Bewegungsmuster sowie Raumnutzung stören können.
„Fast alles, was wir über die Auswirkungen von Kokain auf das Verhalten von Tieren wissen, stammt aus Laborexperimenten. Wir wollten herausfinden, ob eine realistische Umweltbelastung mit Kokain oder seinem Hauptmetaboliten tatsächlich das Verhalten von Fischen in freier Wildbahn verändert – unter natürlichen ökologischen und Umweltbedingungen.“
— Michael Bertram, Studienautor und Associate Professor
Experiment: Lachs unter Drogeneinfluss
Für die Studie wurden über hundert junge Atlantische Lachse („Smolts“) aus einer Fischzucht ausgewählt. Die Tiere waren zwei Jahre alt und wurden in drei Gruppen eingeteilt: Eine Gruppe erhielt ein Kokain-Implantat, eine zweite ein Benzoylecgonin-Implantat und die Kontrollgruppe ein Placebo. Alle Fische wurden mit Tracking-Tags ausgestattet und am 12. April 2022 im schwedischen See Vättern freigelassen. Über einen Zeitraum von etwa zwei Monaten beobachteten die Forscher deren Bewegungen.
Ergebnisse: Drogen führen zu stärkerer Bewegung
Die Ergebnisse waren überraschend: Die mit Kokain oder Benzoylecgonin belasteten Lachse bewegten sich deutlich mehr als die Kontrollgruppe. Besonders die Benzoylecgonin-Gruppe schwamm fast doppelt so weit pro Woche wie die unbelasteten Fische. Kokain selbst hatte einen geringeren Effekt als dessen Abbauprodukt.
„Wir erwarteten zwar einen Effekt durch die Schadstoffbelastung, aber das Ausmaß der Veränderungen hat uns überrascht. Die stärkste Reaktion war eine Verdopplung der Bewegungsaktivität – und das Unerwartete war, dass Benzoylecgonin, der Hauptmetabolit von Kokain, den deutlichsten Effekt zeigte.“
— Michael Bertram
Folgen für Ökosysteme und Artenschutz
Die Studie zeigt, dass Drogenrückstände im Wasser nicht nur ein Laborphänomen sind, sondern reale Auswirkungen auf Wildtiere haben. Atlantische Lachse sind nicht nur für Ökosysteme wichtig, sondern auch wirtschaftlich bedeutend. Veränderungen in ihrem Verhalten könnten langfristig Nahrungsketten und Lebensräume beeinflussen. Die Forscher betonen, dass weitere Studien notwendig sind, um die langfristigen Folgen zu verstehen.
Fazit: Drogenbelastung als Umweltproblem
Die Ergebnisse unterstreichen die wachsende Bedeutung von Mikroverunreinigungen in Gewässern. Kokain und andere Drogen gelangen über Abwässer in die Natur und können das Verhalten von Wildtieren verändern. Dies wirft neue Fragen für den Artenschutz und die Wasserqualität auf.
- Belastung durch Abwässer: Kokain und dessen Metaboliten gelangen über menschliche Ausscheidungen in Gewässer.
- Verhaltensänderungen: Belastete Lachse schwimmen weiter und nutzen ihren Lebensraum anders.
- Forschungslücke geschlossen: Erstmals wurden die Auswirkungen in freier Wildbahn untersucht.