Eine aktuelle Untersuchung der Washington Post deckt ein neues Phänomen auf: das sogenannte „Degree Hacking“. Studierende absolvieren akkreditierte Online-Bachelor- und Masterprogramme nicht in Jahren, sondern in wenigen Wochen. Eine Frau erwarb 2024 beide Abschlüsse für insgesamt nur 4.000 US-Dollar. Eine andere Person schloss 16 College-Kurse in nur 22 Tagen ab. Eine wachsende Branche aus YouTube-Coaches und Beratungspaketen für 1.500 US-Dollar hilft dabei, das System zu umgehen. Hochschulverantwortliche zeigen sich alarmiert, Akkreditierungsstellen prüfen mögliche Ermittlungen, und an einer Universität musste ein separates Reddit-Forum eingerichtet werden, um Konflikte zwischen regulären Studierenden und „Speed-Runnern“ zu kanalisieren.

Doch ich bin nicht besorgt – im Gegenteil. Ich warne seit Jahren vor genau dieser Entwicklung. Eigentlich überrascht es mich, dass es so lange gedauert hat. Schon 2018 habe ich in einem Artikel mit dem Titel „Breaking Up the Degree Stranglehold“ auf dieses Problem hingewiesen.

Die Kernaussage war einfach: Der vierjährige Hochschulabschluss ist zu einem stumpfen Instrument geworden. Arbeitgeber nutzen ihn vor allem als Filter, um die Bewerberflut zu reduzieren – nicht als zuverlässiges Zeichen für tatsächliche Kompetenz. Laut einer Studie von Joseph Fuller von der Harvard University verlangten 2018 rund 67 % der Stellenausschreibungen für Produktionsleiter einen Hochschulabschluss, obwohl nur 16 % der bereits Beschäftigten in diesem Bereich über einen solchen verfügten. Mehr als sechs Millionen Jobs litten bereits unter dem, was Fuller als „Degree Inflation“ bezeichnete.

Wir stellen nicht nach Kompetenz ein, sondern nach einem Zertifikat – und verwechseln beides dann miteinander. Die Folgen sind gravierend und treffen vor allem Menschen mit geringem Einkommen. Die Forderung nach einem Bachelor-Abschluss für Einstiegspositionen schließt fast 83 % der potenziellen lateinamerikanischen Bewerber und 80 % der afrikanisch-amerikanischen Bewerber aus. Sie zwingt Studierende in Schulden für Abschlüsse, die oft wirtschaftlich sinnlos sind und Fähigkeiten bescheinigen, die Arbeitgeber gar nicht benötigen.

Der Abschluss ist zu einem bequemen Shortcut geworden – ein Klickfilter, der die Bewerberzahl reduziert, ohne dass jemand genauer hinterfragt, welche Anforderungen die Stelle tatsächlich stellt. Doch dieser Shortcut war immer nur ein Platzhalter.

Was ein Abschluss wirklich aussagt – und was nicht

Im Kern der „Degree-Hacking“-Debatte steht eine unbequeme Wahrheit: Arbeitgeber haben sich nie wirklich für den Abschluss interessiert. Ihnen ging es um das, was der Abschluss eigentlich repräsentieren sollte. Was signalisiert ein Bachelor-Abschluss? Grob gesagt, dass eine Person über einen längeren Zeitraum diszipliniert arbeiten, Texte verstehen und verfassen sowie zuverlässig auftauchen kann. An Eliteuniversitäten deutet er zudem an, dass der Kandidat in einem kompetitiven Umfeld erfolgreich war. Diese Eigenschaften sind real und im Berufsleben relevant. Doch gemessen wird nicht die Kompetenz, sondern die „Sitzzeit“, Credit Points und die Absolvierung eines Lehrplans, der primär an den Forschungsinteressen der Fakultät – nicht an den Anforderungen der Wirtschaft – ausgerichtet ist.

Der Abschluss ist ein Vertrag zwischen Studierenden und Hochschule. Der Arbeitgeber ist ein Dritter, der sich durch Konvention dazu verpflichtet hat, diesen als aussagekräftig anzuerkennen. Wenn ein Studierender ein akkreditiertes, kompetenzbasiertes Programm in acht Wochen absolviert, erfüllt er formal die Kriterien – doch was sagt das über seine tatsächlichen Fähigkeiten aus?

Die Illusion der Vergleichbarkeit

Das Problem liegt in der Annahme, dass alle Abschlüsse – unabhängig von Dauer, Inhalt oder Qualität der Ausbildung – gleichwertig sind. Doch diese Vergleichbarkeit ist eine Fiktion. Ein zweijähriger Online-Master in Projektmanagement vermittelt andere Kompetenzen als ein vierjähriges Vollzeitstudium in Maschinenbau. Dennoch werden beide Abschlüsse oft gleich behandelt, weil sie denselben Namen tragen.

Arbeitgeber stehen nun vor einer Herausforderung: Sie müssen entscheiden, ob sie weiterhin auf formale Abschlüsse vertrauen oder alternative Wege finden, um die tatsächlichen Fähigkeiten von Bewerbern zu bewerten. Einige Unternehmen setzen bereits auf Kompetenznachweise, praktische Tests oder Projektarbeiten. Andere experimentieren mit unkonventionellen Einstellungsverfahren wie anonymisierten Bewerbungen oder Skill-basierten Assessments.

Die Zukunft der Personalbeschaffung

Die „Degree-Hacking“-Welle könnte der Auslöser für einen grundlegenden Wandel sein. Wenn Abschlüsse immer schneller und günstiger zu erwerben sind, verlieren sie an Wert als Signal für Kompetenz. Arbeitgeber werden gezwungen sein, ihre Einstellungskriterien zu überdenken. Die Frage ist nicht mehr, ob ein Bewerber einen Abschluss hat, sondern was dieser Abschluss wirklich bedeutet.

Eine mögliche Lösung liegt in der stärkeren Zusammenarbeit zwischen Hochschulen und Unternehmen. Studiengänge könnten praxisnaher gestaltet werden, und Arbeitgeber könnten direkt Einfluss auf die Lehrpläne nehmen. Gleichzeitig müssen Akkreditierungsstellen sicherstellen, dass Abschlüsse tatsächlich Kompetenzen widerspiegeln – und nicht nur die Absolvierung von Kursen.

Die Technologie hat den Arbeitgebern den Spiegel vorgehalten: Sie haben jahrelang auf ein System vertraut, das längst nicht mehr hält, was es verspricht. Jetzt ist es an der Zeit, dieses System zu reformieren – bevor es vollständig zusammenbricht.