Vor einigen Wochen traf ich eine ehemalige Kollegin aus meiner Studienzeit wieder. Wir sprachen über unsere aktuellen Berufe, und plötzlich hielt sie inne: ‚Ich bewundere deinen Weg, aber vor zehn Jahren hätte ich gewettet, dass du irgendwann Dekanin wirst.‘

Ehrlich gesagt, dachte ich selbst lange, dass dieser Weg möglich – vielleicht sogar wahrscheinlich – wäre. Ich liebte die Welt der Universitäten: die intellektuelle Herausforderung, den Sinn für Mission, die komplexen menschlichen Systeme. Akademische Führung reizte mich, besonders die Aufgabe, Organisationen durch Konflikte, Unsicherheiten und Veränderungen zu navigieren. Ich kannte diese Welt instinktiv und wusste, wie ich mich darin bewegen konnte. Es gab eine Version meines Lebens, die sich schon lange vor ihrem Eintreten klar und logisch anfühlte.

Doch stattdessen verließ ich die akademische Welt, baute eine Coaching- und Beratungspraxis auf und verbringe heute viel Zeit mit Gesprächen, die weniger strategisch und mehr psychologisch-explorativ sind als alles, was ich mir damals vorstellte. Was mich an der Bemerkung meiner Kollegin besonders berührte, war nicht etwa Bedauern, sondern die plötzliche Erkenntnis: Wie viele Wege habe ich nicht eingeschlagen? Welche Versionen von mir sind nie Wirklichkeit geworden?

Das Paradox des Erfolgs: Weniger Möglichkeiten, mehr Identität

Viele erfolgreiche Erwachsene kennen dieses Gefühl. Irgendwann im Leben – besonders nach dem Aufbau einer Karriere und eines erfüllten Alltags – wird uns bewusst: Erfolg engt unsere Identität ein. Indem wir uns für einen Weg entscheiden, geben wir andere auf. Als junge Menschen erscheint uns die Zukunft noch unendlich vielfältig. Wir können uns radikale Alternativen vorstellen, weil diese Möglichkeiten real existieren. Doch mit der Zeit verlangt das Erwachsenenleben Konsolidierung: Wir wählen Berufe, Partner, Städte, Institutionen und Expertisen. Wir werden für andere erkennbar – und für uns selbst immer fester in unserer Rolle.

Entwicklungspsychologen betonen seit Langem, dass Identitätsbildung nicht nur von Exploration, sondern auch von Verpflichtung abhängt. Doch unsere Kultur feiert Erfolg fast ausschließlich als Akkumulation: Titel, Familie, Wissen, Chancen. Was dabei oft untergeht, ist der Preis des Verzichts. Das erlebe ich täglich in meiner Arbeit mit Führungskräften. Sie sind kompetent, respektiert, emotional intelligent – und doch spüren viele von ihnen eine unterschwellige Unzufriedenheit, die sich schwer benennen lässt.

Die vergessenen Versionen von uns selbst

Manchmal bricht diese Spannung plötzlich hervor. Eine Klientin entdeckt ein altes kreatives Projekt und ist überrascht von ihren starken Gefühlen. Eine andere merkt, dass sie seit Jahren nichts mehr tut, das nicht produktiv, strategisch oder nützlich war. Wieder eine andere denkt an ein Leben, das sie sich einst vorstellte, und kann nicht aufhören, darüber nachzudenken.

Es geht nicht um die Frage, ob wir die richtigen Entscheidungen trafen. Sondern darum, dass jede Wahl uns etwas nimmt – und dass wir lernen müssen, mit diesen verlorenen Möglichkeiten zu leben. Vielleicht liegt gerade darin die größte Herausforderung des Erwachsenwerdens: nicht nur zu wachsen, sondern auch zu trauern – um die Versionen von uns selbst, die wir nie wurden.