Vor einem Jahr schien Jon Ossoff noch wie ein kurzlebiger Erfolg der Demokraten in Georgia: 2020/21 in den Senat gewählt, dann bei der Wiederwahl knapp gescheitert und schnell in Vergessenheit geraten. Selbst wenn er gewonnen hätte, wäre er wohl im Schatten seines charismatischen Kollegen Raphael Warnock geblieben – dem Senator aus Atlanta, dessen Kirche einst von Martin Luther King Sr. und Jr. geleitet wurde.
Doch in den letzten Monaten hat sich Ossoff zum gefeierten Star der Demokraten entwickelt. Mit starken Umfragewerten und Rekordspenden ist der 39-Jährige nun klarer Favorit für seine anstehende Wiederwahl im November. Das gibt der Partei neuen Auftrieb, nachdem Georgia 2022 und 2024 wieder als republikanisch dominiert galt. Ossoffs Kampagnenclips und Reden gehen viral – besonders seine scharfe Kritik an der „Epstein-Klasse“ im Februar. Während andere Demokraten wie der kalifornische Abgeordnete Ro Khanna oder Kentuckys Gouverneur Andy Beshear durchs Land jetten, um Spenden zu sammeln, wird bereits über Ossoff als möglichen Präsidentschaftskandidaten 2028 spekuliert – obwohl er selbst nichts dazu beiträgt.
„Sobald er im November gewinnt, wird er zum Favoriten für 2028“, schrieb der Journalist Mehdi Hasan kürzlich auf X – begleitet von einem Ausschnitt aus einer Ossoff-Rede. Der Senator musste kürzlich öffentlich klarstellen, dass er keine Ambitionen auf das Präsidentenamt hat, nachdem die Spekulationen seine Senatskampagne zu gefährden drohten.
Doch wie schaffte es Ossoff, innerhalb eines Jahrzehnts vom unbekannten Dokumentarfilmer zum möglichen Präsidentschaftsanwärter aufzusteigen? Eine Mischung aus Glück, strategischem Geschick und günstigen Umständen.
Der lange Weg zum Senat
Seine politische Laufbahn begann 2017 mit einer Niederlage: Ossoff trat in einer Nachwahl für einen Sitz im Repräsentantenhaus im Großraum Atlanta an. Als politischer Neuling mit Erfahrung als Legislative Assistant und Gründer einer Filmproduktionsfirma Insight hatte er zwar Stacey Abrams und den verstorbenen John Lewis hinter sich, doch im Finale unterlag er knapp der Republikanerin Karen Handel. Kritiker warfen ihm vor, keine klare Botschaft vermittelt zu haben. Noch bitterer: Nur ein Jahr später gewann die Demokratin Lucy McBath denselben Sitz – ein Zeichen, dass Ossoffs Niederlage vermeidbar gewesen wäre.
Doch Ossoff gab nicht auf. Die Nachwahl 2017 hatte nationale Aufmerksamkeit erregt, da sie eine der ersten Wahlen nach Trumps überraschendem Sieg 2016 war. Ossoff baute sich ein landesweites Spendernetzwerk auf – eine Basis, die ihm 2020 den Sprung in den Senat ermöglichte. Gemeinsam mit Warnock besiegte er in den Januar-2021-„Runoff“-Wahlen zwei republikanische Amtsinhaber und sicherte den Demokraten die Mehrheit im Senat.
Vom Senator zum viralen Star
Seitdem hat Ossoff seine Reichweite systematisch ausgebaut. Seine Reden, in denen er die „Epstein-Klasse“ anprangerte, wurden millionenfach geteilt. Die Demokraten nutzen seine Rhetorik zunehmend als Vorlage. Doch sein größter Trumpf ist seine Fähigkeit, Spenden zu mobilisieren: Allein 2023 sammelte er über 20 Millionen Dollar ein – mehr als jeder andere Senator in Georgia. Seine Umfragewerte liegen stabil bei über 50 Prozent, während die Republikaner noch keinen starken Gegenkandidaten präsentieren konnten.
Doch die Spekulationen um eine mögliche Präsidentschaftskandidatur 2028 überschattet seine aktuelle Kampagne. Ossoff selbst dementierte zwar jede Ambition, doch die Debatte zeigt: Er hat sich als einer der einflussreichsten Stimmen seiner Partei etabliert. Sollte er 2024 wiedergewählt werden, könnte er zum Gesicht einer neuen Generation demokratischer Führungspersönlichkeiten werden – sei es im Senat oder im Oval Office.
„Ossoff hat bewiesen, dass er nicht nur ein lokaler Politiker ist, sondern eine nationale Figur werden kann.“
— Politikanalystin Leah Wright Rigueur