Der Tod Jeffrey Epsteins am 10. August 2019 löste eine Welle von Verschwörungstheorien aus. Die für 2026 geplante Veröffentlichung einer angeblichen Suizidnotiz des verurteilten Sexualstraftäters könnte diese Spekulationen weiter anheizen. Doch Epsteins Tod ist nur ein Teil eines größeren Puzzles: Das US-Justizministerium hat über drei Millionen öffentlich zugängliche Dokumente zu den mutmaßlichen Menschenhändler-Netzwerken rund um Epstein freigegeben. Journalisten und Forscher versuchen, diese Datenflut zu strukturieren – doch die offizielle Suchoberfläche des Ministeriums gilt als unübersichtlich und schwer nutzbar.

In der Folge haben einige Amerikaner eigene Wege gefunden, um die Akten zu analysieren. Sie setzen auf künstliche Intelligenz, um Plattformen zu entwickeln, die die Durchsicht der Epstein-Dokumente erleichtern und neue Zusammenhänge aufdecken sollen. Doch diese Tools werden nicht nur für seriöse Recherchen genutzt: Als Experte für online verbreitete Verschwörungstheorien beobachte ich, wie solche Plattformen gezielt genutzt werden, um gezielt neue Mythen zu verbreiten.

DIY-Verschwörungsplattformen: KI als Werkzeug der Desinformation

Die Epstein-Akten sind ein unstrukturierter Datensatz aus PDF-Dateien, Videos, Fotos und anderen Dokumenten. KI-gestützte Plattformen ermöglichen es Nutzern, scheinbare Verbindungen zwischen den Dokumenten herzustellen – selbst wenn diese nicht existieren. Einige dieser Tools geben sich als neutrale, datenbasierte Forschungsplattformen aus, sind jedoch von Verschwörungstheoretikern entwickelt worden, um gezielt Verschwörungsmythen zu verbreiten. Ich bezeichne dieses Phänomen als „Plattform-Verschwörungstheorie“.

Ein klassisches Beispiel für die Denkweise hinter diesen Theorien ist der logische Fehlschluss „post hoc ergo propter hoc“ – die Annahme, dass ein Ereignis A ein Ereignis B verursacht hat, nur weil A vor B stattfand. So behaupteten QAnon-Anhänger 2017, es gebe eine geheime Sekte satanischer Kinderschänder. Als später die Enthüllungen über Epstein bekannt wurden, deuteten sie dies als „Beweis“ für ihre Theorie.

Einige Betreiber der Epstein-Plattformen vermischen ihre Analysen zudem mit Elementen aus anderen Verschwörungsmythen – etwa der angeblichen Existenz von Kannibalismusnetzwerken, satanistischen Ritualen oder den CIA-Experimenten zur Gedankenkontrolle (MKUltra) aus den 1950er-Jahren. Diese Plattformen finden schnell ein großes Publikum, da viele Menschen besorgt sind über die Verbindungen Epsteins zu Politik, Unterhaltungsindustrie, Wissenschaft und Technologie. Gleichzeitig wollen viele einfach wissen, wer in den Akten erwähnt wird und warum.

Gefahren der automatisierten Verschwörungstheorien

Die Folgen dieser DIY-Plattformen sind oft schwerwiegend: Sie fördern Paranoia und verstärken den Glauben an Verschwörungsmythen. Jedes Mal, wenn das Justizministerium neue Dokumente veröffentlicht oder deren Freigabe verzögert, steigt das öffentliche Interesse. Influencer auf Social Media verbreiten dann umgehend ihre eigenen Interpretationen der Akten – oft mit dramatischen oder manipulativen Aussagen.

„WEBB“: Eine scheinbar seriöse KI-Plattform mit versteckter Agenda

Eine solche Plattform ist WEBB, die sich als KI-gestütztes „Dokumenten-Intelligenz“-Tool präsentiert. Sie soll Forschern helfen, die Epstein-Akten, Flugprotokolle, Gerichtsakten und Zeugenaussagen zu analysieren. Mit einer ansprechenden Oberfläche, die rote Fäden als visuelle Verbindungselemente einsetzt, automatisiert WEBB die aufwendige Datenbereinigung bei unstrukturierten Datensätzen. Laut eigenen Angaben wandelt die Plattform PDF-Dokumente in durchsuchbare Textformate um und ermöglicht so eine scheinbar wissenschaftliche Auswertung.

Doch hinter der Fassade der Neutralität verbirgt sich ein anderes Ziel: Die Plattform fördert gezielt bestimmte Interpretationen der Dokumente. Nutzer können etwa Verbindungen zwischen Personen oder Ereignissen herstellen, die aus fachlicher Sicht nicht haltbar sind. Besonders problematisch ist, dass WEBB und ähnliche Tools Laien den Anschein vermitteln, ihre Schlussfolgerungen seien objektiv und datenbasiert – obwohl sie in Wahrheit auf selektiver Wahrnehmung und gezielter Manipulation beruhen.

Diese Entwicklung zeigt, wie moderne Technologien wie KI und Big Data nicht nur zur Aufklärung, sondern auch zur gezielten Verbreitung von Verschwörungsmythen missbraucht werden können. Während offizielle Stellen versuchen, Transparenz zu schaffen, nutzen andere diese Daten, um neue Mythen zu erschaffen – und verbreiten sie im Internet.