Als eine ehemalige Nike-Mitarbeiterin vor einigen Jahren bei dem Sportartikelhersteller anfing, glaubte sie, genau am richtigen Ort für Diversität, Gleichberechtigung und Inklusion (DEI) zu sein. Sie schätzte die öffentlichen Aussagen von John Donahoe, damals CEO von Nike, zur gesellschaftlichen Verantwortung des Unternehmens. „Ich dachte: Ja, Unternehmen müssen für ihre Werte eintreten“, sagt die Mitarbeiterin, die anonym bleiben möchte, da sie nicht offiziell für Nike sprechen darf. „Fantastisch. Nike ist der richtige Ort für mich.“

Doch ihre Begeisterung wich bereits nach wenigen Monaten. Der Zugang zu Daten wurde erschwert, Projekte blieben ohne Freigabe durch die Rechtsabteilung stecken. Zudem wurde ihr nahegelegt, keine E-Mails oder Dateien zu löschen. Was sie damals nicht wusste: Nike stand im Visier einer ungewöhnlichen Ermittlung der US-Gleichstellungsbehörde Equal Employment Opportunity Commission (EEOC).

Die EEOC prüft jährlich über 88.000 Diskriminierungsvorwürfe am Arbeitsplatz. Doch dieser Fall war kein Routineverfahren. Die Initiative ging nicht von einem einzelnen Mitarbeiter aus, sondern von der Kommissarin Andrea Lucas, die später von Ex-Präsident Trump zur Vorsitzenden der EEOC ernannt wurde. Sie warf Nike vor, durch seine DEI-Programme weiße Beschäftigte und Bewerber zu diskriminieren. Konkret kritisierte sie, dass das Unternehmen bei der Vergütung und Karriereförderung DEI-Metriken berücksichtigte und gezielt unterrepräsentierte Gruppen förderte.

Seit ihrem Amtsantritt Anfang 2025 verfolgt Lucas eine klare Agenda: Sie will „unrechtmäßige DEI-basierte Diskriminierung aufgrund von Rasse und Geschlecht“ bekämpfen – im Einklang mit den Executive Orders von Trump. Laut einem Bericht der New York Times geht die EEOC unter ihrer Führung systematisch gegen Vorwürfe von Diskriminierung weißer Männer vor. Der Fall Nike markiert einen entscheidenden Moment in dieser Anti-DEI-Bewegung – mit potenziell weitreichenden Folgen für Unternehmen in den USA.

Warum Nike zum Ziel wurde

Während viele Unternehmen ihre DEI-Programme aus Angst vor rechtlichen Risiken zurückfahren, setzt Nike weiterhin öffentlich auf Diversität. Genau das könnte der Grund sein, warum Lucas den Sportartikelhersteller ins Visier genommen hat. „Ich dachte: Wenn ich bei einem so einflussreichen Unternehmen wie Nike in der DEI-Abteilung arbeiten kann – was für einen Impact hätte das?“, sagt die ehemalige Mitarbeiterin. „Und ich glaube, Andrea Lucas dachte ähnlich: Wenn es gelingt, Nike – eines der mächtigsten Unternehmen der Welt – zur Aufgabe seiner DEI-Programme zu bewegen, werden alle anderen folgen.“

Laut Gesprächen mit ehemaligen Nike-Mitarbeitern, EEOC-Vertretern, DEI-Experten und Aktionärsaktivisten zeichnet sich ein klares Bild ab: Der Fall könnte zum Präzedenzfall werden. Sollte die EEOC Nike in seinen DEI-Bemühungen einschränken, würde dies ein Signal an die gesamte Wirtschaft senden.

Die rechtliche und gesellschaftliche Dimension

Die Ermittlungen der EEOC gegen Nike basieren auf der Annahme, dass bestimmte DEI-Maßnahmen gegen das Title VII des Civil Rights Act von 1964 verstoßen könnten, das Diskriminierung aufgrund von Rasse, Hautfarbe, Religion, Geschlecht oder nationaler Herkunft verbietet. Kritiker argumentieren, dass Programme, die gezielt Minderheiten fördern, automatisch andere Gruppen benachteiligen. Befürworter hingegen betonen, dass solche Initiativen notwendig sind, um historische Ungerechtigkeiten auszugleichen und Chancengleichheit herzustellen.

Nike selbst weist die Vorwürfe zurück und betont, dass die Anweisung, keine Daten zu löschen, Standardpraxis während laufender Ermittlungen sei. Dennoch zeigt der Fall, wie polarisiert die Debatte um DEI in den USA ist. Während einige Unternehmen ihre Programme überdenken, halten andere an ihnen fest – aus Überzeugung oder aus Angst vor Reputationsschäden.

Eines ist sicher: Sollte die EEOC Nike in seinen DEI-Bemühungen einschränken, würde dies eine Lawine auslösen. Unternehmen müssten ihre Strategien neu bewerten – oder riskieren, selbst ins Visier der Behörde zu geraten.